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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 22. Februar 2016

High Noon im Krankenhaus

Aggression und Gewalt scheinen im Gesundheitswesen heute zum schlechten Ton zu gehören.

Vor Kurzem durfte ich eine Ö1-Sendung zum Thema „Gewalt und Aggression im Spital“ moderieren. Wobei es hier weniger um die Beziehung zwischen einem Gewerkschafter und seinem Dienstgeber ging, sondern vielmehr um den Alltag auf den Stationen und Not-Ambulanzen, dem der selige Helmut Qualtinger gegenüber einem Match „Simmering gegen Kapfenberg“ echte Brutalität bescheinigt hätte.

Tatsächlich sind es nicht immer die psychiatrischen oder alkoholisierten Patienten, die auch körperlich handgreiflich werden, sondern zunehmend die Wald-und-Wiesen-Klientel, die in der aufgeheizten Stimmung eines übervollen Wartebereiches die Contenance verlieren. Immerhin kann bereits die Aufforderung „Setzen Sie sich hin, Sie werden gleich aufgerufen!“ als Kampfansage empfunden werden. Vor allem dann, wenn man diesen Satz bereits drei Stunden zuvor, beim Eintreffen in der Ambulanz zu hören bekommen hat.

Eines ist klar: Man wird als Mitarbeiter eines Spitals nicht gerne angepöbelt, gebissen, gezwickt oder k. o. geschlagen. Zum Glück finden solche Dienstplanbesprechungen aber auch nicht jeden Tag statt.

Geht die Aggression jedoch nicht von den lieben Kollegen, sondern der unzufriedenen Kundschaft aus, so hat das eine ganz andere Qualität. Man überlegt in manchen Häusern mittlerweile den Einsatz von Sicherheitskräften, die für mögliche Eskalationen bereitstehen. Mit Vorsicht zu genießen sind jedoch der Einsatz von Elektroschockern gegen kardiologische Patienten wie auch der Pfefferspray bei randalierenden Asthmatikern.

Deeskalationstrainer betonen, dass Gewalt bereits mit der Androhung, die Faust im Gesicht platzieren zu wollen, beginnt. Doch da wir von Kindestagen an darauf trainiert wurden, demjenigen Streitpartner die Schuld anzulasten, der körperlich zuhaut und nicht jenem, der verbal schlägert, wird letztendlich der rabiate Opi ruhiggestellt, der einer Pflegekraft das Essen zurückschleudert und nicht die Person, die ihm trotz massiver Gegenwehr den gesunden Haferbrei eintrichtert.

Es gibt die Möglichkeit, die kritischen Situationen in Seminaren durchzuspielen. Das macht mehr Sinn, als Bettflüchtige mit Polizeigriffen zu überwältigen, unruhige Patienten mit einem Chuck-Norris-Kick außer Gefecht zu setzen oder einen Patienten, der am Balkon geraucht hat, in den Schwitzkasten zu nehmen, in dem laut Arbeitnehmerschutzgesetz Rauchverbot herrscht. Es ist ein Teufelskreis: Überforderte Patienten überfordern überforderte Mitarbeiter. Mit freundlicher gestalteten Spitälern, bewohnergerechteren Pflegeeinrichtungen und einem Klima des Weltfriedens könnte man es zustande bringen, dass das Blaulicht am Eingang nur mehr von Rettungswägen und nicht mehr von Polizeiautos stammt.

Wer dennoch zur Selbstverteidigung ein paar schmerzhafte Griffe erlernen möchte, tut nicht schlecht daran. Zumindest für die heiklen Besprechungen im Dienstzimmer.

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