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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 25. Jänner 2016

Speed-Visiting

Die Beschleunigung in vielen Lebensbereichen macht auch vor den früher so beschaulichen Krankenanstalten nicht halt.

Obwohl man heute die viel beschworene Langsamkeit in kostspieligen Seminaren erlernen kann, inmitten des Waldviertels, auf einem keltischen Kraftort, mit angeschlossenem Wellness-Ressort, hat sich die Idee der Entschleunigung noch nicht so durchgesetzt. „Zeit ist Geld“ ist nach wie vor das Credo der modernen Konsumgesellschaft.

Man setzt heute auf SpeedDating, Power-Napping oder Quick-Banking, man möchte Wartezeiten tunlichst vermeiden und brüllt bereits „zweite Kasse, bitte!“, wenn man hinter einen Kunden gerät, der nicht nur eine, sondern zwei Packungen Milch im Einkaufswagen hat. Man ist erbost, wenn die übers Internet aus Kuala Lumpur bestellte Ware nicht bereits am nächsten Morgen im Postkasten ist; man kaut ungeduldig an den Fingernägeln, um an eine Information zu gelangen, für die man zwar früher tagelang in der Bibliothek biwakieren musste, nun aber bereits mehr als drei Sekunden wartet, bis die Wikipedia-Seite endlich lädt; und wenn die eine Leber nicht mehr so funktioniert, wie man möchte, ruft man umgehend „zweite Leber, bitte!“ Das Warten wird sukzessive aus dem Leben verdrängt und weniger als kontemplative Mußezeit, sondern eher als Zumutung erachtet. Man will Tempo. Selbst Kurhäuser haben ein dichtes Programm, sodass es die Gäste nur mit Power-Unterwassergymnastik rechtzeitig zur High-Speed-Relaxing-Einheit schaffen.

Ein Chirurg, der für die Entfernung der Gallenblase doppelt so lange braucht, weil er sich einfach Zeit lässt, ist weder beim Anästhesisten noch bei den Assistenten, auch nicht beim Pflegepersonal oder der Krankenhausverwaltung sonderlich beliebt. Auch wenn er noch so sorgfältig agiert und den Namen des heiligen Apollinaris von Ravenna in die Haut stickt, um weiter Gallensteine zu vermeiden. Bereits der Name des Kollegen am OP-Plan stellt eine Provokation für das Team dar. Schließlich kann man auch gut und schnell operieren. Denn ist man zeitgerecht mit der Operation fertig, kann man endlich das machen, was das Leben wirklich ausmacht: Den nächsten Patienten schnell operieren.

Visiten werden schon aus Gründen der Tradition rasch abgehandelt. Denn Patienten sollen das Gefühl haben, dass das Personal wichtigere Dinge zu tun hat, als sich mit ihnen in Smalltalk zu üben. Man kann das aber natürlich noch steigern, indem man das „Speed-Visiting“ einführt. Um einen langen Tisch sitzen Ärzte der verschiedenen Fachdisziplinen den frisch aufgenommenen Patienten gegenüber. Gezielte Fragen sollen klären, ob die beiden zusammenpassen oder doch eine andere Subdisziplin zuständig ist. Nach 10 Sekunden ertönt ein akustisches Signal und die Patienten rücken einen Platz weiter. Finden sowohl Patient als auch Arzt, dass sie vom Krankheitsbild zueinander passen, so erfolgt die Zuweisung an die entsprechende Abteilung. Das spart Zeit und Geld und gibt den Patienten zumindest das Gefühl einer freien Arztwahl auf Kasse.

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