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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 13. Jänner 2016

Neues Jahr, neue Tretmühle?

Vor dem Jahreswechsel ist nach dem Jahreswechsel. Wenn sich Dinge nicht ändern, wäre es an der Zeit, sie jetzt zu ändern.

Was kann man für das neue Jahr erwarten? Wer nicht gerade Silvester im OP verbringen und seine Zukunft aus den Eingeweiden seiner Patienten lesen musste, konnte zum Jahreswechsel auf andere gängige Bräuche zurückgreifen. Je nach ökologischer Willensstärke mittels Gießen von Blei oder Wachs war das künftige Schicksal aus den gegossenen Figuren zu erkennen. Die unförmig gegossenen Figuren stellen Dinge dar, die man im Jahr 2016 zu sehen bekommen wird: Einen Gallenstein, noch einen Gallenstein, einen Nierenstein, eine Registrierkasse. Manch spirituell offene Person entdeckt möglicherweise auch noch ein Segelboot, eine Gewitterwolke oder den Erzengel Gabriel und mutmaßt darin einen ausgedehnten Segeltörn in Kroatien, schlechtes Wetter beim Segeltörn in Kroatien oder das Erscheinen des Erzengel Gabriels beim Schlechtwetter-Segeltörn in Kroatien nach der dritten Flasche Slibowitz.

Für die meisten ist das Jahr 2016 jedoch wie das Jahr 2015 und auch das Jahr 2014 und all die Jahre davor und danach. Nur die Jahreszahl auf dem Rezeptstempel muss nachgestellt werden. Obwohl man nun annehmen könnte, dass sich die Tretmühle, in der sich viele wähnen, von Jahr zu Jahr leichter bewegt, da man ja zunehmend lernt, wie man darin zu treten hat, läuft diese Form von Hamsterrad von Jahr zu Jahr schwerfälliger. Zu viel Sand hat sich über die Jahre nicht nur in den Abwassersystemen des Körpers, sondern auch im Getriebe der Mühle angesammelt.

Die buddhistische Herangehensweise, Routine-Dinge, die man jahrelang getan hat, bleiben zu lassen und sich von Sachen, die zwei Jahre nicht mehr in Verwendung waren, zu trennen, ist hierzulande nur schwer umzusetzen. Denn gerade im Spital ist Routine der Stoff, aus dem erfolgreiche Behandlungen gezimmert werden, und der Finanzminister möchte auch die fünf Jahre alte Rechnung für den Wicki-Teller beim angeblichen Geschäftsessen im Restaurant des Kinder-Thermenparadieses sehen.

Möge also das neue Jahr mit keinem einzigen Vorsatz beginnen, außer mit diesem einen: Dem neuen Jahr die Chance zu geben, vielleicht das beste Jahr zu werden, das man bisher hatte.

Wer die ersten Jännertage damit verbracht hat, beim sündteuren Skiurlaub bei Plusgraden auf aperen Pisten zwischen einem ein Meter breiten schneekanonenbeschneiten Streifen und Grasbüscheln zu wedeln, hatte schon Gelegenheit gehabt, zu üben, wie das geht: Statt über den mangelnden Schnee zu jammern, tut man gut daran, sich über die vorhandenen Grasbüscheln zu freuen. Auch wenn’s anfangs schwerfällt zu erkennen, dass das Gras halb voll ist!

In diesem Sinn wünsche ich allen Leserinnen und Lesern und natürlich auch der netten Redaktion mit dem entzückenden Chef einen zweckoptimistischen Start und das beste 2016, dass es jemals gab.

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