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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 7. Dezember 2015

Grenzzäune für Ambulanzen

Der uneingeschränkte Zuzug von Patienten in die Ambulanzen soll eingebremst werden.

In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Ambulanzbesuche in den Krankenhäusern um 27 Prozent gestiegen. Wenn der Trend so anhält, werden in 40 Jahren 108 Prozent aller Patienten in den Wartebereichen der Spitäler sitzen. Jetzt schon kommen über 8 Millionen Österreicher zur Behandlung. Das ist eindeutig zu viel, auch angesichts der Ärztedienstzeiten, die sukzessive reduziert werden müssen, bis die Ärzte eine Wochenarbeitszeit von minus 10 Stunden im Krankenhaus anwesend bzw. nicht anwesend sind. So viel zur höchst verwirrenden Statistik.

Dass unsere Patienten die Serviceeinrichtung einer Ambulanz schätzen, liegt auf der Hand: Rund-um-die-Uhr-Öffnungszeiten, zugegeben mit längeren Wartezeiten, aber wenn man weiß, dass man mit seiner seit Jahren nervenden Hammerzehe auch in der Nacht kommen kann, lassen sich auch die Zeiten deutlich reduzieren. Man kann selbst am Wochenende die Ambulanz aufsuchen, wo der Hausarzt prinzipiell nicht zu erreichen ist, weil er da wahrscheinlich regelmäßig auf die Seychellen jettet – wie das die Allgemeinmediziner eben so tun. Und man kann aus dem Vollen schöpfen. Während jeder niedergelassene Mediziner naturgemäß auch ein begrenztes Arsenal an Instrumenten, Computertomografen oder Fachwissen hat, findet sich im Krankenhaus immer irgendwo das Gerät oder der Arzt, den man für das spezielle Leiden benötigt. Vorteile soweit das Auge reicht!

Geht es jedoch nach der Ärztekammer, so sollen Patienten die Ambulanzen nur mehr im Notfall oder per Überweisung besuchen dürfen. Das mag auf den ersten Blick etwas hart klingen. Auf den zweiten Blick findet sich aber kein plausibles Gegenargument, warum eine nervende Hammerzehe nicht auch unter die Kategorie „Notfall“ fallen soll. Das Gesundheitssystem sei kein Selbstbedienungsladen, heißt es weiter. Was aber bedeutet, dass man bedient werden muss. Wenn man mit einem heraushängenden Auge vier Monate auf einen Termin bei einem niedergelassenen Augenarzt wartet, kann das etwas zu lang werden und viele Patienten gehen dann einfach zum Fielmann, um sich für dieses Auge eine Kontaktlinse zu besorgen, damit sie wieder lesen können. Das wollen die Augenärzte dann auch wieder nicht. Man kann es also niemandem Recht machen.

Als Lösungsansatz wird das „Haus- und Vertrauensarzt-Modell“ genannt. Damit sollen zum hundertsten Mal in der Geschichte der Aufwertung die Allgemeinmediziner aufgewertet werden. Als „Facharzt für aufgewertete Allgemeinmedizin“ könnte hier der „Praktiker Neu“ geschaffen werden. Man kann auch das „Modell Europafestung“ hernehmen, bei der man die Ambulanzen umzäunt (bzw. um-„maschendrahtet“, um das böse Wort „Zaun“ nicht zu gebrauchen). Oder man greift auf die Idee der PHC (Erstversorgungszentren) zurück. Die sind zwar ähnlich umstritten wie das THC (Erstversorgungsdroge), sollen aber bald legal werden. Es bleibt also spannend.

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