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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 26. Oktober 2015

Buhlschaft mit Salzburger Ärzten

Die feindliche Übernahme aus dem Nachbarbundesland bringt einen neuen Aspekt in die Ärztemangel-Diskussion.

Oberösterreich hat vor kurzem in fremden Gewässern gefischt und sich ein paar Salzburger Ärzte für allgemeinmedizinische Dienste geangelt. Das empört die Salzburger, die selbst über eine Medizinerknappheit klagen und überlegen, ob man nun oberösterreichische Ärzte durch Freikarten für den Jedermann nach Salzburg locken kann.

Als ich Ende der 1980er-Jahre mit dem Medizinstudium begonnen habe, war alles noch ganz anders. Schließlich war man damals mit einer richtigen Ärzteschwemme konfrontiert, ja man konnte schon fast von einer Ärzteplage sprechen. Überall, im Park, auf den Denkmälern der Stadt, unter der Spüle in der Küche hockten die Mediziner – man wusste nicht, wohin mit ihnen und setzte sie in vorbeifahrende Taxis ans Steuer, damit sie nicht mehr so herumlungern.

Mittlerweile haben wir einen Mangel an Medizinern. Das ist für die Ärzte natürlich mühsam, da es im Klinikbetrieb zu prekären Situationen kommt. Nun muss ein einziger Arzt eine ganze Operation schupfen und wie bei „Dinner for One“ abwechselnd die Rolle des Chirurgen, der ersten und zweiten Assistenz und des Anästhesisten übernehmen. Zur Einhaltung der notwendigen OP-Frequenz an einigen Abteilungen müssen die Mediziner mitunter sogar in die Rolle der operierten Patienten schlüpfen.

Auf der anderen Seite wird man als „seltenes Gut“ nun umworben und Krankenanstalten im In- und Ausland buhlen um die Ärzteschaft. Das jahrelange Taxifahren für Jungärzte war gestern, nun bekommt man am Tag der Promotion in Thüringen eine Stelle als leitender Oberarzt an der Neurochirurgie angeboten und kann sich vom Verwaltungsdirektor chauffieren lassen.

Spitäler versuchen, mithilfe von Marketingexperten, an Mitarbeiter zu kommen. „Arbeiten, wo andere Urlaub machen!“ oder „Kohle machen, wo andere leiden!“ kann schon mal ganz reizvoll klingen. Bald schon werden die Bewerbungsgespräche umgedreht, sodass beim Hearing nun einem Arzt mehrere Klinikvorstände gegenüber sitzen, aus denen sich der Mediziner den überzeugendsten Vorstand aussuchen kann, nicht ohne ein bedeutungsschweres „Wissen Sie, ich habe so viele Spitäler als Werber, Sie werden von mir hören!“ fallen zu lassen.

Manche werben mit mehr Gehalt, mehr Freizeit, mehr Löcher beim Golf, weniger Nachtdiensten, weniger schwierigen Patienten, modischeren Ärztekitteln, größeren Dienstwohnungen oder einer Hauben-Kantine. Andere wiederum bestechen unverhohlen mit Schwarzgeld, gehen zum Äußersten und entführen einen Arzt aus einem feindlichen Bundesland. Die UN-Menschenrechtskonvention befürchtet schon jetzt einen bedenklichen Anstieg des illegalen Ärztehandels.

Genießen wir diesen fast schon surrealen Zustand, am Arbeitsmarkt derart umschwärmt zu sein, und lauschen wir dem Minnesang von Dienstgebern und Krankenkassen.

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