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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 12. Oktober 2015

Nimm Tablette, du Opfer!

Wenn die Jugendsprache Einzug in die Ordinationen hält.

Viele Kollegen sehen sich, rein aus Standesüberlegungen, nicht in der Lage, in die sprachlichen Niederungen ihrer Patienten hinabzusteigen. Schließlich müsse man ja nicht verstehen, wie eine Tablette wirkt, um sie schlucken zu können. Das führt dazu, dass die Patienten in ihren Niederungen auch nicht gewillt sind, Tabletten zu schlucken, die sie nicht verstehen. Das wiederum versteht der Arzt in seinen Höhen nicht.

Auf Augenhöhe zu kommunizieren ist das Gebot der Stunde. Dazu gibt es zahlreiche Lippenbekenntnisse, Seminare und hübsch gestaltete Folder. Doch was bringt die Kommunikation auf Augenhöhe, wenn auf Latein kommuniziert wird? Man muss also auch die Sprache an jene der Patienten anpassen. Doch wie weit muss man da gehen? Zwar kann man davon ausgehen, dass der Begriff „chronisch rezidivierende Pyelonephritis“ nicht überall verstanden wird. Ob es erforderlich ist, die Diagnose auf „Niere kaputt!“ runterzubrechen, darf bezweifelt werden. Es gibt respektvollere Mittelwege.

Natürlich muss man auch mit Kindern anders kommunizieren, als mit Erwachsenen. Kinder lassen sich schließlich – im Gegensatz zu Erwachsenen – nicht für blöd verkaufen. Und Aussagen wie „das ist ein kleines Flohtschi-Piekserl“ kann man sich, im Angesicht einer bedrohlich wirkenden Spritzennadel, sparen.

Was aber tun mit jener Generation, die zwischen Kind- und Erwachsensein herumgeistert? Eine Generation, die Unmengen an Information über Youtube aufsaugt, um sie über Whatsapp wieder auszuspeien? Wie kann man hier kommunizieren, ohne dass sie sich gelangweilt abwendet, da die medizinischen Erklärungen ohne Hintergrundmusik und Flash-Animationen dargebracht wird? Sollen wir uns auch hier sprachlich annähern? Es galt immer schon als peinlich, wenn Erwachsene bei den Jugendlichen durch eine „coole“ Sprache Eindruck schinden wollten. Daher ist Fingerspitzengefühl angesagt.

Begriffe wie YOLO („You Only Live Once“) eignen sich durchaus dazu, um auf schlechte Ernährungsgewohnheiten oder das schädigende Rauchverhalten hinzuweisen. Wenn man dann aber ein „Kann schon sein, du Spacko, is aber leider geil!“ zu hören bekommt, sollte man das nicht als Beleidigung auffassen, sondern als Zeichen, dass man als einer der ihren respektiert wird („Respekt, Alter“). Dann kann man noch ein Schäuflein nachlegen: „Und das mit dem Saufen kannst du dir so was von abbitchen!“Wenn der Jugendliche mit „Echt jetzt? Du laberst voll die Flatrate!“ antwortet, droht das ärztliche Gespräch zu entgleiten. Hier ist es nicht mehr weit hin, bis man „defriendet“ wird. Dann sollte man rasch vom Gespräch zur Tat schreiten und zum Verschnaufen ein Röntgen anfertigen lassen, also quasi ein „Inside-Selfie“.

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