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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 14. September 2015

Helferdrang

NebenWirkungen

Die aktuelle Flüchtlingskrise zeigt: Der Mensch ist hilfsbereit. Wenn man ihn lässt.

Na bitte, geht doch! Die Österreicher können, wenn sie nur wollen. Wer die Bilder verfolgt hat bzw. selber an einem der Bahnhöfe oder Grenzübergänge zugegen war, an denen Flüchtlinge mit Applaus empfangen und versorgt wurden, kann nicht anders, als an das Gute im Menschen zu glauben. Natürlich in Begleitmusik der Unkenrufe aus den hinteren Reihen, die die Leichtgläubigkeit von Gutmenschen belächeln. Und natürlich ist auch die positive Stimmung in der Bevölkerung keineswegs immerwährend, wie die Neutralität, sondern hat eine beunruhigend kurze Halbwertszeit, bis sich der Volksunmut über die an den Bahnsteigen herumlungernden Ausländer ergießt, die den Einheimischen die Gratis-Zeitungen weglesen.

Neben den Flüchtlingen profitieren aber auch die freiwilligen Helfer von den Aktionen. Helfen zu können ist unglaublich erfüllend und steigert das Glücksempfinden, sagen die Glücksforscher, von denen jedoch nicht allzu viele am Bahnhof waren. Man muss aber auch die Gelegenheit zum Helfen bekommen. Bereits beim letzten Hochwasser haben viele die Sandkästen ihrer Kinder geplündert, um im Privat-PKW ein paar Sandsäcke neben die Donau zu kippen. Dieser Drang zur Hilfe wurde oft brüsk von Feuerwehr und Rettung in die Schranken gewiesen und den Helfern mit einem herzlichen „Vergelt’s Gott!“ eine kilometerlange IBAN in die Hand gedrückt, mit der sie über eine Geldspende „sinnvoll“ helfen sollten. Das frustrierte viele, die nun den Begriff „sinnvoll“ mit dem Terminus „Bank“ in Einklang bringen mussten, und so zogen sie unverrichteter Dinge mit ihren Sandsäcken wieder davon.

Auch dieser Tage nahm man zwar höflich jede angebotene Hilfe zur Kenntnis, doch auch hier wurden die meisten an eine Bank verwiesen. Menschen, die säckeweise Kleidungsstücke gesammelt hatten, um diese an Hilfsbedürftige abzugeben, mussten zusehen, wie ihr liebevoll zusammengestellter Sack in einer offiziellen Abgabestelle auf einen riesigen Haufen anderer liebevoll zusammengestellter Säcke landet. Natürlich auch hier mit einem freundlichen „Vergelt’s Gott!“, aber das Gefühl, effektiv geholfen zu haben, will sich dabei irgendwie nicht einstellen.

Bei allem Verständnis den Profi-Helfern gegenüber, die nichts davon haben, wenn ein paar Österreicher in Eigenregie am Wochenende zum Bahnhof pilgern und Flüchtlinge mit Schokolade und einer ausgeleierten Badehose vom letzten Sommerurlaub versorgen: Helfen kann kein Monopol sein! Auf der einen Seite beklagen wir uns zu Recht, dass Menschen bei Unfällen nur zögerlich helfen. Wenn sie es aber tun, werden sie mit Eintreffen der Profis meist unsanft von Notärzten und Sanitätern beiseitegeschoben, um nicht im Weg zu stehen. Ein wenig Kommunikation und die Bereitschaft, das Monopol zu lockern, haben sich schon in anderen Bereichen bewährt.

Denn so ein Stück ineffektive Schokolade, das von einem freundlichen Amateur überreicht wird, kann mitunter mehr wärmen, als ein effektiv geschnürtes Hilfspaket.

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