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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 1. Juni 2015

Medizin und Kabarett

Warum sich mehr Ärzte auf Kabarettbühnen tummeln, als Buchhalter.

Kolumnenkollege Guido Tartarotti vom Kurier stellte anlässlich eines Fernsehauftrittes von mir, in meiner Funktion als Medizinkabarettist, die durchaus berechtigten Fragen: „Wann kommen Veterinär-Kabarettisten, Buchhaltungs-Kabarettisten, Fußpflege-Kabarettisten?“ Und tatsächlich scheint es keinen Grund dafür zu geben, warum ein Krankenhaus mehr Anlass zur Flucht auf die Kabarettbühne geben soll, als ein Nagelstudio.

Obwohl nicht nur Lachen die beste Medizin, sondern vor allem die Medizin ganz schön zum Lachen ist, haben auch viele andere Sparten ein bemerkenswert großes Humorpotenzial. Denken wir an die österreichische Post, die als Gesamtkunstwerk beste Chancen auf ein immaterielles UNESCO-Weltkulturerbe hat. Alleine die Nennung des Unternehmens löst erfahrungsgemäß in den Kellertheatern des Landes größtes Amüsement aus.

Oder denken wir an den Autohandel, dessen Protagonisten trotz Rekordumsätzen lauter raunzen, als die ohnehin schon sehr laut raunzenden Gastwirte. Selbst den profiliertesten Gag-Schreibern würde eine Formulierung wie „Bei dem Preis leg ich privat noch was drauf!“ nicht einmal im Traum einfallen.

Denken wir auch an Ratingagenturen, die Dinge bewerten, die gar nicht bewertet werden wollen, also Länder, Banken oder die Mafia, die bei der letzten Beurteilung übrigens am besten abgeschnitten hat. Der Spaßfaktor ist hoch, wenn Moody’s zur Analyse des Gesundheitssystems die von den Spitälern geschickten Stuhlproben ökonomisch analysiert, und sie von einem Triple-A auf ein ganz normales AA herunterstuft. Das gehört auf die Bühne.

Und natürlich gibt es bereits eine ganze Reihe von Kabarettisten, die ihren Beruf nicht nur an den Nagel gehängt, sondern ihn wieder vom Nagel genommen haben, um ihn genüsslich auf der Bühne zu sezieren: Lehrer berichten von der Gefahr einer 4-Klassen-Gesellschaft in der Volksschule, Postler schildern die spannenden Abenteuer in ihrem Rayon („als sich einmal eine Briefmarke ablöste“), Physiker erklären plötzlich lustig die Physik, obwohl Physiker normalerweise nie lustig erklären, und ehemalige Außenminister reüssieren im Ausland mit einem gelungenen Youtube-Hit in englischer Sprache. Derartige Bemühungen werden mit großem Publikumszuspruch bzw. auch freier Kost und Logis im Heimatland belohnt.

Warum gerade die Medizin so geeignet für satirische Betrachtung scheint? Nun, möglicherweise polarisiert Fußpflege-Kabarett nicht so stark und spätestens nach dem dritten Hornhaut-Witz wird es langweilig, so man es nicht auf eine politische Ebene bringt und über die Problematik von Hammerzehe- und Sichelfuß spricht. Interessant wäre auch zu erfahren, warum es nicht mehr Kabarettisten gibt, die die Berufswelt infiltrieren und als Ärzte, Lehrer, Fußpfleger oder Außenminister tätig sind. Vielleicht wäre die Welt dann ein wenig besser. Auf jeden Fall wäre sie lustiger.

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