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Von Dr. Ronny Tekal-Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at
 
Leben 7. April 2015

Mitlaufendes Volk

Jedes Jahr zu dieser Zeit schürt der Vienna City Marathon das schlechte Gewissen der Sportmuffel.

Ich habe das Glück, aus meinem Fenster in den Wienerwald blicken zu können. Und das Pech, dabei auch all die ambitionierten Jogger zu Gesicht zu bekommen. Das nährt das schlechte Gewissen, wenn das miese Wetter wieder mal über die guten Vorsätze gesiegt hat.

Ich finde allerdings keineswegs, dass ich weniger fleißig bin als die Läufer. Doch wenn ich meine „Runtastic-App“ – eine Art militanter Lauftrainer fürs Handy – neben mir auf den Schreibtisch lege, tut sich beim integrierten Kalorienzähler rein gar nichts. Denkarbeit kann dieses doofe Tool also nicht berechnen, es sei denn, ich säße beim Denken im Auto. Dann würde das Programm vermuten, ich würde mit 80 Stundenkilometern joggen und damit etwa 5.000 kcal pro Minute verbrauchen. Dann ist die App zufrieden und motiviert mich mit einem „gut gemacht, weiter so!“ zur Fortsetzung dieser Leistung.

Der Grund für das derzeitige vermehrte Auftreten joggender Personen ist der jährlich wiederkehrende Marathon in der Bundeshauptstadt. Obwohl die meisten Österreicher das Spektakel aus sicherer Entfernung von der Fernsehcouch aus verfolgen, kann einen auch in den geschützten vier Wänden das schlechte Gewissen ereilen. Das merkt man daran, dass das Bier zum TV-Ereignis etwas schaler schmeckt.

Die Radiosender promoten den Lauf, spornen ihre Hörer mit speziell abgestimmter Musik an und tun so, als ob sich tatsächlich die ganze Nation für den großen Tag aufwärmen würde. Der gesundheitliche Effekt dieser begrüßenswerten Initiative verfehlt seine Wirkung nicht. Denn das schlechte Gewissen all jener, die sich gerade mal am warmen Ofen mit einem Jagatee aufwärmen und Marathon nur als Lösungswort im Kreuzworträtsel kennen („Ort im Bundesstaat Texas mit acht Buchstaben“), drängt auf Absolution.

So laden sich die Menschen in dieser für Couch-Potatoes so schwierigen Zeit millionenfach Fitness-Apps runter, legen sich ein schweißabweisendes Laufdress und eine Pulsuhr zu und nehmen sich fest vor, im nächsten Jahr zumindest am 2-Kilometer–Coca-Cola-Kinderlauf am Start zu stehen. Das angeschaffte Equipment findet sich zwar in der Regel ein paar Wochen später auf ebay, doch für die Volksgesundheit der wirklichen ganzen Nation ist es immerhin ein kleiner Anfang.

Da Sportwissenschaftler weniger den Marathon selbst, als vielmehr das Training auf den Lauf für gesund erachten, ist es gar nicht so wesentlich, ob man nun tatsächlich mitläuft. Denn wie bei vielen Massenphänomenen geht es mehr um Eitelkeiten, das Gefühl, unbedingt dabei sein zu müssen oder die mutmaßlich kostenfreien halben Bananen, die auf der Strecke feilgeboten werden. Alles in allem also ein aus medizinischer Sicht durchaus entbehrlicher Zirkus, in dessen Manege Sie vielleicht auch den Autor dieser Kolumne als typischen Mitläufer entdecken könnten.

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