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Von Dr. Ronny Tekal-Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at
 
Leben 2. März 2015

NebenWirkungen: Gefährlicher Arbeitsplatz

Drei Viertel aller Erwerbstätigen glauben, dass sie an ihrer Arbeitsstätte zumindest einem Gesundheitsrisiko ausgesetzt sind.

Es gibt sichere und weniger sichere Arbeitsplätze. Meist kennt man das Berufsrisiko. Doch während man beim Job auf einer Ölplattform in der Nordsee dafür auch Gefahren- und sonstige Zulagen bekommt, gehen Mitarbeiter einer Nordsee-Filiale diesbezüglich leer aus. Dennoch sind die Gefährdungen nicht immer so offensichtlich. In meiner Ausbildungszeit auf der Kardiologie lag das größte Gesundheitsrisiko bei einem ausgelösten Herzalarm weniger beim betroffenen Patienten, sondern bei all jenen jungen Kollegen, die mit ihren Töfflern über die Treppen stolperten, um bei diesem akuten Ereignis helfen zu können oder zumindest einen guten Platz zu ergattern.

Es kann auch sein, dass sich etwa ein Stuntman, nachdem er unbeschadet mit dem brennenden Auto über eine Klippe gerast ist und von einem nachfolgenden Betonmischer eingemauert wurde, beim Abhängen den Daumen im Gurt einquetscht und für drei Wochen in den Krankenstand muss. Feldherren starben oft gar nicht am Schlachtfeld, sondern im Bett, da sie von der Syphilis – die sie sich ebenfalls dort und nicht am Schlachtfeld geholt hatten – nicht mehr genesen konnten. Die Geschichtsschreiber agieren hier meist gnädig, wenn es darum geht, die Reputation einer historischen Persönlichkeit nicht durch ein paar peinliche Entgleisungen zu zerstören.

Tatsächlich sind es weniger die spektakulären Unfälle in der Arbeitswelt, die das Gros der Beschwerden ausmachen. Man kann sich schließlich auch an einem Stück Papier eine böse und schmerzhafte Schnittwunde an der Hand zufügen oder seinen kleinen Finger unabsichtlich in eine Krankenakte heften. Es soll sogar Zeitgenossen geben, die es zustande bringen, sich an einer Kugel zu schneiden. Laut der europäischen Arbeitskräfteerhebung sind es meist – ganz unspektakulär – verspannte Nacken, schmerzende Rücken, schlechte Augen, Stress, Burn- und Bore-out und andere Brandverletzungen, die den Job so gefährlich machen.

Menschen, die im Gesundheitssystem arbeiten, daher theoretisch tagtäglich durch spitze Skalpelle, Nadeln oder Bemerkungen verletzt werden könnten und Gefahr laufen, sich mit HIV, Ebola oder Colibakterien (von dem im Nachtdienst mitgebrachten Döner) zu infizieren, oder die bei der obligatorischen Zigarette nach der Operation neben der Sauerstoffflasche explodieren könnten – für all diese Menschen stellt die größte Gefahr am Arbeitsplatz die psychische Belastung dar. Mit 50 Prozent liegt sie weit über jener anderer Berufsgruppen.

Erinnern wir uns daher an jene Zeiten, in denen gut gelauntes und braun gebranntes Krankenhauspersonal in dieser Klinik im Süden Deutschlands die gut gelaunten Patienten versorgte. Vielleicht braucht die Welt etwas mehr Schwarzwald, etwas weniger Klinik, etwas mehr Berg und etwas weniger Doktor, etwas mehr Room und etwas weniger Emergency. Für alle Beteiligten.

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