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Von Dr. Ronny Tekal-Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at
 
Leben 17. Februar 2015

Nebenwirkungen: Neu ist das bessere Alt

Primary Health Care und andere Projekte sollen frischen Wind in das verstaubte Medizinsystem bringen.

Warum es in der Medizin Pilotprojekte, nicht jedoch in der Fliegerei Ärzteprojekte gibt, ist mir noch nicht ganz klar. Dennoch sind innovative Neuerungen zu Gesundheitsdienstleistungen so en vogue wie schon lange nicht mehr. Fürchtete man früher, dass „Gruppenpraxen“ etwas mit unzüchtigem Rudelbumsen zu tun haben, so forciert man heute Modelle wie die „Primary Health Care Medicine“. Dieses PHC ist vielleicht nicht ganz so berauschend wie das beliebtere THC, aber es erregt zumindest zurzeit die öffentliche Aufmerksamkeit. Tatsächlich wurde der Vorschlag der WHO aus den 1970er-Jahren umgehend, unter Berücksichtigung des Postweges, umgesetzt. Dabei soll ein multiprofessionelles Team aus Ärzten, Pflegekräften, Physiotherapeuten, Mechanikern und Bäckern im Vorfeld der Ambulanzen für die Patienten zur Verfügung stehen. Das ist sinnvoll. Denn betritt man mit rinnender Nase eine Großklinik, so kommt man mit einer Batterie an Medikamenten, zwei Tonnen Befunden und einem Taschentuch als einzig therapeutisch wirksames Mittel, das man sich vom Bistro am Ausgang noch rasch besorgt hat, mit rinnender Nase wieder heraus. Das geht günstiger. Um eine rinnende Nase nicht zu behandeln, reichen auch ein paar wenige Fachleute aus. Also ein klares Plus für dieses neue System.

Bewähren sich solche Pilotprojekte, finden sie mitunter auch Eingang in den medizinischen Alltag. Es gab jedoch einige tolle Initiativen zur Verbesserung und Verbilligung des medizinischen Betriebes, die sich leider nicht bewährt haben und daher in Vergessenheit geraten sind: So wurden 1995 die von den Fluglinien übernommenen Streichungen des Gratis-Essens im Spital nur bis zur Erreichung der statistisch signifikanten 100 Todesfälle durch Verhungern beendet. Auch der Vorschlag, den Patienten nach der Entlassung die Bettwäsche zum Waschen nach Hause mitzugeben, wurde aufgrund des geringen Rücklaufes wieder fallen gelassen. Vor Kurzem erst gab der erste Drive-In-Doc in Wien seine Tankstelle auf, McDonald’s musste die Gesundheitsmenüs, bei der jedem Burger auch ein Jungmediziner zum Spielen beigepackt war, aufgrund des dadurch entstandenen heimischen Ärztemangels aus dem Portfolio nehmen.

Wie auch immer: Neue Innovationen sorgen alleine durch die Diskussion darüber für frischen Wind. Hier also noch ein paar Vorschläge als Grundlage, um die Medizin außerhalb des Krankenhauses zu forcieren: Prophylaktische Frühdefibrillation bei Herzklopfen im Media Markt; Möglichkeit der Einweisung in die geschlossene Psychiatrie durch geschulte Postbeamte; Erweiterung der anatomischen Lehrbefugnis auf Metzger und eine Praxis, in der den Patienten verständlich erklärt wird, dass nicht jede rinnende Nase tatsächlich auch behandelt werden muss. Wobei dieser letzte Vorschlag derart blasphemisch erscheint, dass es hier nicht einmal zur Diskussion kommen wird.

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