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Von Dr. Ronny Tekal-Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at
 
Leben 2. Februar 2015

NebenWirkungen: Eine Schwäche für Lesen und Schreiben

Selbst Experten sind vor Teilleistungsstörungen nicht gefeit, wie an zahlreichen netten Stilblüten gesehen werden kann.

Unlängst habe ich erstaunt festgestellt, dass arbeitslose werdende Mütter eine Gefährdung für ihr Kind sein sollen. Da sich die Schlagzeile „Jobmangel gefährdet Entwicklung von Embryo“ bei näherem Hinsehen dann doch als banaler „Jodmangel“ herausstellte, war ich wieder beruhigt. Denn ein paar Mal mehr salzen ist einfacher, als sich in Zeiten der Krise eine Arbeit zu suchen.

Ähnliche Missverständnisse passieren mir immer wieder. Wobei ich gestehen muss, dass ich diese Kultur der Fehlinterpretation bewusst pflege. Denn man kann natürlich Dinge gehörig missverstehen, so man wie ein Schelm denkt. Etwa, wenn eine Gratiszeitung hübsch titelt: „85-Jährige am Heimweg von der Bank beraubt!“ Hier kocht natürlich der Volkszorn, wenn die Geldinstitute nicht einmal davor zurückschrecken, ihren Kunden sogar noch auf der Straße das Geld aus der Tasche zu ziehen. Oder wenn in einem medizinischen Journal die Überschrift „Toter Patient erlitt Herzinfarkt“ vermuten lässt, dass auch nach dem Ableben die Gefahr eines akuten koronaren Ereignisses nicht vorüber ist. Welch trübe Aussicht, sogar im Paradies seine Risikofaktoren im Auge behalten zu müssen. Ab und an greifen Journalisten auch objektiv betrachtet ins Klo, wenn sie etwa Patienten einen Sehfehler von „2,0 Promille“ attestieren.

Selbst medizinisches Fachpersonal ist nicht davor gefeit, im Entlassungsbrief von quälenden „Unterleibsscherzen“ zu berichten (hier sollte man übrigens unbedingt einen Humorstatus machen lassen), oder im Autokorrekturmodus ein „vorzeitiges Erwachen im PO“ zu Papier zu bringen (was ich persönlich als Betroffener recht beunruhigend empfinden würde). Weniger denkt man sich bei „Status post Encephalon“ – und zwar im wahrsten Sinn des Wortes. Auch bei einer nicht ganz so geschulten Schreibkraft kann es zu netten Stilblüten kommen, wenn das Gehörte direkt ins Dokument getippt wird, etwa bei der „Deppanation“ als Eingriff gegen Intelligenzmangel, dem Einsatz eines „Truck eluting stents“, der mithilfe eines LKWs erfolgt, oder auch dem Verdacht auf eine „Mittel-Rohr-Entzündung“, die eher in die Hände eines Urologen gehört.

Ich liebe solche kleinen Pannen, denn sie machen die Welt etwas menschlicher und können schließlich jedem passieren. Solange diese unklaren Formulierungen keine Konsequenzen haben, darf man auch getrost darüber lachen. Wenn bei der Pediküre zur Entfernung der Hornhaut das Messer allerdings an die Augen statt an die Fußsohle gelegt wird, hört sich der Spaß aber auf.

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