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Kolumne Nebenwirkungen 21. August 2013

Mit den Patienten auf Bade-Tuchfühlung

Im Urlaub werden die gesundheitlichen Risikofaktoren gesammelt wie die Strandmuscheln. Und wer muss das wieder mal ausbaden?

In dieser Kolumne stelle ich immer wieder Mutmaßungen darüber an, was unsere Patienten so treiben, wenn sie nicht gerade in unseren heiligen medizinischen Hallen bei uns vorstellig werden. Wo sie uns versprechen, in ihrem Leben nie etwas anderes zu tun als sich gesund zu ernähren, 24 Vorsorgeuntersuchungstermine pro Jahr wahrzunehmen und als einzige Sünde angeben, die täglichen Pilates-Übungen erst nach dem Lauftraining statt zuvor durchzuführen.

Im Urlaub bekommt man die Gelegenheit, mit den Patienten auf Bade-Tuchfühlung zu sein. Statt uns der sommerlichen Lektüre zwischen einem „Inferno“ von Dan Brown und dem abendländischen Untergangsepos „Shades of Grey“ (oder der medizinischen Edition „Shades of Grey’s Anatomy“) hinzugeben, arbeitet unser medizinisches Gehirnareal auch in den Ferien unermüdlich und analysiert die Verhaltensweisen potenzieller Patienten: Denn hier werden Risikofaktoren gesammelt wie Panini-Sticker, die wir in der Ordination nur mehr ins Album kleben müssen. Nachlässig, wenn überhaupt, wird die Haut mit Sonnenmilch, Marke Lichtschutzfaktor 1 in den Armbeugen benetzt. Die Kinder sind noch etwas geschützter, da sie vom üppigen Frühstücksbuffet über Nutella-verschmierte Gesichter verfügen (Nutella hat bekanntlich einen Lichtschutzfaktor von 9,7).

Dass die All-inclusive Clubs dazu verleiten, weit über Hunger und Durst zu essen und zu trinken, versteht sich von selbst. Die ebenfalls All-inclusive zu wählenden Sportangebote verleiten hingegen weniger zum exzessiven Gebrauch.

So lädt der klassisch im Süden urlaubende Patient seine leeren Cholesterin- und Triglyceridbatterien wieder auf, legt sich eine sonnengegerbte dicke Haut zu, auf die er das eine oder andere allergiefördernde Henna-Tattoo malen lässt. Geht man davon aus, dass Alkoholschäden an der Leber und Geschlechtskrankheiten bis zum Herbst wieder abgeklungen sind, so bleiben doch eine Menge an Pathologien über, die wir mit unseren Patienten über das Jahr hinweg wieder abarbeiten können. Bis sie sich vor dem kommenden Sommer wieder blass, nüchtern und mit normalen Blutwerten danach sehnen, diesen Zustand schnell wieder zu ändern.

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