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Kolumne Nebenwirkungen 10. September 2012

Drum prüfe, wer sich ewig schindet

Der medizinische Nachwuchs, der die Eingangstests unbeschadet überstanden hat, wird seine blauen Wunder erleben, was das Arztdasein wirklich zu bieten hat.

Nun ist es wieder so weit und der hoffnungsfrohe Nachwuchs stapft in unseren Fußstapfen. Eine Reihe junger, motivierter und ehrgeiziger Mediziner möchte sich diesem wundervollen Beruf hingeben, denn seit Generationen wird das Bild vermittelt, dass das größte Glück der Ärzte auf dem Rücken der Patienten liegt.

Natürlich ist es interessant zu erfahren, ob die Jungmediziner ein gewisses räumliches Vorstellungsvermögen haben, um den Patienten im dreidimensionalen Raum richtig vor sich hin setzten zu können und die Spritze nicht versehentlich in eine andere Körperstelle zu platzieren, wenn der Patient am Kopf steht. Es ist auch wesentlich, dass man gut berechnen kann, wie viele Tropfen aus einer 125-ml-Infusionslösung in einen im Schnitt 125 kg schweren Österreicher gelangen müssen, damit sich die Konzentration in dessen Morgenurin mit jener der Infusion deckt.

Mit diesen und ähnlich sinnvollen Fragestellungen werden Millionen österreichische Maturanten gepeinigt, um ein Urteil über deren Befähigung, Doktor zu spielen, fällen zu können. Dass bei diesen Tests Frauen nicht so gut abschneiden wie Männer, zeigt von der männlichen Fähigkeit, zwar keinen Durchblick hinsichtlich sozialer Interaktionen zu besitzen, diese jedoch berechnen zu können. Ich denke nur, ohne Kritik an den Machern der Hürdenprüfung üben zu wollen, dass ein derart gestalteter Test nicht allzu viel mit den tatsächlich an die Ärzte gestellten Herausforderungen zu tun hat. Genauso gut könnte man einen angehenden Piloten stricken lassen (wobei das bei Langstreckenflügen wahrscheinlich durchaus eine gute Möglichkeit wäre, sich die Zeit zu vertreiben).

Was ich vermisse, ist die Überprüfung jener Soft Skills, die wirklich für das Alltagsleben im weißen Kittel vonnöten sind: Dass es etwa vollkommen egal ist, wie viel Milligramm eines hoch wirksamen Blutdrucksenkers Sie einen Patienten verordnen, wenn diese Milligramm in der Originalverpackung im Nachtkästchen verschwinden. Oder wieso es möglich ist, dass ein gesund lebender Typ-2-Diabetiker, der nie etwas Ungesundes zu sich nimmt und täglich zwei Stunden Sport betreibt, dennoch stark übergewichtig sein kann, elendigliche Blutwerte hat und nach kaltem Zigarettenrauch riecht.

Wenn man schon beim Einstieg in die Ars Medica das Bild vermittelt bekommt, dass der Mensch eine berechenbare Maschine ist, in die man Benzin, in Form von Tabletten einfüllt, damit er läuft, wird die Enttäuschung später groß sein. Also, liebe Test-Macher, setzt Euch mal in eine Ordination und Ihr werdet keinen Gedanken an einen dreifach gedrillten Kubus im vierdimensionalen Raum verschwenden!

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