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Foto: Privat
Von Dr. Ronny Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at
 
Kolumne Nebenwirkungen 15. Juni 2009

NebenWirkungen - EU-Wahlfreiheit für Patienten

Eine Wahl der besonderen Art stellt die freie Arztwahl dar. Doch die zunehmende Mündigkeit unserer Patienten geht auf Kosten ihres behüteten Daseins unter der Obhut eines patriarchalisch agierenden Mediziners.

Dieser Tage war es nun wieder so weit, dass die europäischen Bürger ihre Volksvertreter im EU-Parlament wählen durften. Man kann sich also aussuchen, auf wen man in den kommenden Jahren schimpfen darf. Das ist sehr demokratisch und erinnert an die Möglichkeit der freien Arztwahl, die es gestattet, selbst zu entscheiden, welcher Mediziner einen im Laufe seiner Erkrankung die kommenden Jahre beschimpfen darf.

Im Spital hat sich dieses System noch nicht ganz durchsetzen können. Klasse oder Kasse – mit dieser Entscheidung endet in der Regel die Mitbestimmung im Krankenhaus. Denn basisdemokratische Entscheidungen sind nicht vorgesehen. Zwar ist es Gesetz, dass die Patienten in ihre Behandlung einwilligen müssen. Doch es bedarf natürlich eines gewis-sen Maßes an Selbstbewusstsein, vor der versammelten Ärzteschaft inklusive Chefarzt und Oberschwester mit schwarzem Gürtel ein klares Veto gegen die so wohlfeil erdachte Therapie einzulegen. Vielmehr beschränkt sich die Wahlmöglichkeit auf eine nachträgliche Absolution für die behandelnden Mediziner. „Danke für die Amputation. Die Schmerzen in der Zehe sind jetzt tatsächlich weg.“

Aber wir wissen auch: Wer die Wahl hat, hat die Qual, und eine solche wollen wir unseren Patienten alleine aus medizinischem Ethos he-raus nicht zumuten. Die „partnerschaftliche Patientenführung“ beinhaltet nun mal den Begriff „Führung“. Deshalb sprechen wir auch nicht von „partnerschaftlicher Patientendiskussion“. Das Recht auf demokratische Mitbestimmung des Patienten im Krankenhaus gleicht oft jenem der Frauen in der katholischen Kirche. Und das hat auch einen guten Grund. Denn denken wir nur an die guten alten Zeiten, als wir wie ein gütiger Patriarch über das Wohl der uns anvertrauten Menschen wachten. Da waren sie noch zu beneiden, unsere Schäfchen. Nichts ahnend von diesem langen Schlauch, der ihnen, während unsereins sie mit einem kleinen Scherz ablenkte, in den Darm geschoben wurde. Als sie noch sorglos und frohlockend die teuersten Originalpräparate in sich reinfutterten, während wir uns wieder einmal zum Sündenablass bei der Krankenkasse anstellten. Als uns der Schweiß auf der Stirn stand, da wir unsere Brille zu Beginn der Operation am offenen Thorax noch auf der Nase hatten. All diese Probleme hielten wir von unseren Patienten fern und luden die Last auf unsere Schultern.

Heute müssen wir diese/unsere Verunsicherung partnerschaftlich an den Patienten weitergeben. Und gemeinsam auf die Suche nach der verlorenen Brille im Brustraum gehen. Dann machen wir in dem eheähnlichen Verhältnis zwischen Arzt und Patient eben Halbe-Halbe.

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