zur Navigation zum Inhalt
 
Kolumne Nebenwirkungen 27. August 2012

Bauklötze im Operationssaal

Eine umfassende Kinderbetreuung in den Sommerferien gilt für viele berufstätige Eltern als Quadratur des Kreises.

Nach einem überstandenen August entbrennt wieder mal die Diskussion, wie viel Ferien ein Land, ein Schüler, ein Lehrer oder ein Schülerlotse tatsächlich brauchen. Neun Wochen Sommerferien gehen sich bei etwa fünf Urlaubswochen jährlich rein rechnerisch kaum aus. Kinderferienlager, Tenniscamps oder Sudoku-Kampf-Wochen kosten Geld und die Großeltern sind heute oftmals nicht mehr in der Lage, die Enkelkinder über längere Zeit zu versorgen. Nicht, aufgrund ihrer Gebrechlichkeit, sondern, weil sie als neue Rentner-Generation zwischen Rafting, Motocross-Rennen durch die marokkanische Wüste und Koma-Saufen in erlesenen Weinkellern derart eingespannt sind, dass der Nachwuchs nur stundenweise betreut werden kann.

Die Ferien werden daher bereits im Vorfeld strategisch durchgeplant. Und gerade Personen, die in einem Krankenhaus beschäftigt sind, müssen jährlich die heiße Schlacht am kalten Urlaubskalender austragen und die familiären Bedürfnisse gegen eine uneinsichtige Kollegenschaft verteidigen. Mit Glück schauen zwei Wochen Urlaub raus, mit noch mehr Glück bekommt auch der Partner zur selben Zeit frei. Wohin also mit dem Nachwuchs in den verbleibenden sieben Wochen?

Natürlich kann man die Jungen vor eine Spielkonsole oder dem Fernseher parken, um sie nach sieben Wochen in der warmen Badewanne wieder aus der Sommerstarre zu wecken. Doch man will es sich dann doch nicht ganz so leicht machen und die kommende Generation zumindest halbwegs fit ins weitere Leben entlassen. Vielleicht wäre es keine so absurde Idee, die Kinder einfach an den Arbeitsplatz mitzunehmen. Sie lernen, was Papa oder Mama so untertags treiben und üben sich frühzeitig im Umgang mit seltsamen Menschen, die vom Burn-out gezeichnet sind.

Da Kinder von Natur aus gerne Doktor spielen, sollte das Hantieren mit Spritzen, Verbänden oder Infusionen für sie kein Problem darstellen. Die Geschickteren dürfen im OP auch ein wenig mithelfen, das Licht richtig einstellen, die Narkose einleiten oder ihre Kenntnissen von „Dr. Bibber“ an einem echten Patienten ausprobieren. Mit den Kleineren kann man im Röntgen „Ich sehe was, was du nicht siehst“ spielen oder versuchen, in „Blinde Kuh“ mit verbundenen Augen ein Koloskop in einem Patientenhintern zu versenken. Bettenschieben und Fläschchen anhängen können Kinder über Stunden begeistern. Vom lustigen Mumiengipsen auf der Unfallstation bis zum therapeutisch wertvollen Wegfuttern der Süßigkeiten aus den Nachtkästchen der Diabetes-Patienten – ein Fun-Park der Extraklasse, in denen sie um die weiß gekleideten Animateure mit den müden Augen herumwuseln dürfen.

Die sieben Wochen vergehen wie im Flug und die Kinder nehmen auch eine wichtige Lehre mit auf ihren Lebensweg: Niemals jemals freiwillig in einem Krankenhaus zu arbeiten.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben