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Kolumne Nebenwirkungen 3. Juni 2009

NebenWirkungen - Dr. House und Co.

Ärzteserien hatten mit dem echten Ärztedasein meist so viel zu tun wie Immobilienanleihen mit sicheren Geldanlagen. Doch die zunehmend authentischen Darstellungen sind heute realistischer als die Wirklichkeit selbst.

Die besten Drehbücher schreibt das Leben selbst (übrigens auch die besten Kabarettprogramme, wodurch sich die Arbeit an einem neuen Stück auf die reine Mitschrift beschränkt). Dies wissen auch die Produzenten einschlägiger Reality-Soaps und ersparen sich damit teure Autoren. Natürlich gehört auch die Krankenhauswelt zu jenen reichen Quellen, aus denen die Filmschaffenden schöpfen können. Und so verwundert es nicht, dass seit Jahrzehnten die Schauplätze einschlägiger TV-Serien in die Spitäler verlegt werden.

Tatsächlich lassen sich die wirklich hervorragenden Stoffe, die der Spitalsalltag schreibt, filmisch sehr gut umsetzen. Zu den bekanntes- ten Werken zählen sicherlich „Das Schweigen der Lämmer“ – die Arzt-Patient-Beziehung in der Ambulanz, „In drei Tagen bist du tot“ – Strate-gien zur Patientenaufklärung oder „Dr. Schiwago“ – Ärztekonkurrenz aus dem Osten.

Und sie werden immer realistischer, diese Arztserien. Waren früher die Mäntel noch blütenweiß, die chefärztliche Föhnwelle stabil und die Empathie des Personals überirdisch, so dürfen sich heutige Seriendarsteller etwas realistischer zeigen: Verbraucht, übermüdet, etwas weniger Föhn, etwas weniger Frisur und vor allem fehlbar wie du und ich – das ist es, worin sich die Mimen nun suhlen, verschwitzt, spuckend und auf Drogen.

Dies tut einerseits gut, muss man nun doch nicht mehr einem unmöglich zu erreichenden Ideal nahekommen. Andererseits zeigt es unseren Patienten, dass sich hinter den potemkinschen Fassaden der weißen Kittel oftmals nur ein elendes Häufchen Restmensch verbirgt, der ohne den gestärkten Mantelkragen in sich zusammenfallen würde.

Vielleicht erscheint aber gerade durch die zunehmende Verwahrlosung der Ärzte im Fernsehen die rea-le Ärzteschaft nun plötzlich wie eine gute, alte, heile Welt. Und das wiederum ist beruhigend. Sich von seriösen und hochanständigen Ärzten in sanfte Hände begeben zu können, mit ihnen gemeinsam zu weinen, zu lachen und auch auf abenteuerliche Schiffsreisen zu wagen. Eben wie seinerzeit im Fernsehen.

So sollten auch entsprechende Zusatz-Diplome diese Fähigkeiten unterstreichen, wie etwa das „Diplom zum Arzt, dem die Frauen vertrauen“. Das ist echte Reality. Ohne Soap.

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