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Foto: Privat
Dr. Ronny Teutscher, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at
 
Kolumne Nebenwirkungen 31. Mai 2009

NebenWirkungen – Die heilige Visite

 

Ist sie ausgestorben? Die gute alte Chefvisite aus der guten alten Zeit? Nein! Gott sei Dank können wir im Krankenhaus nach wie vor auf diese Maßnahme zurückgreifen und erzielen damit eine breite therapeutische Wirkung.

Was sich in der schamanischen Naturheilmedizin seit Jahrtausenden als erfolgreich erweist, wird im Spital des 21. Jahrhunderts in schöner Tradition fortgeführt. Hier wird im Rahmen der ehrwürdigen Chefvisite der Weißkittel-Effekt multipliziert, jede banalste Aussage des Abteilungsvorstandes durch die geballte Kraft der dahinter stehenden Personen in ihrer Wichtigkeit unterstrichen. Ein kleiner Scherz des Alphatierchens wird in der Prozession mit wohlwollendem Lächeln unterstrichen, eine erhobene Diagnose gleich einem nobelpreisverdächtigen Gedanken interessiert von den jungen Kollegen notiert, die abschließende Aussage zum Patienten „Na, wir werden sehen...“ mit aufbrausendem Applaus belohnt. Der Medizinmannparameter wird bis aufs Äußerste strapaziert. Das ist Show-Biz in Reinkultur.

Zurück bleibt etwas verbrannte Erde in Form von Laboranweisungen, ein überrumpelter Patient sowie dessen schales Gefühl, wieder mal reingelegt worden zu sein. Die heilige Visite, wie sie in den Krankenzimmern dieser Welt abgehalten wird, auf Latein und mit dem Rücken zum Patienten, birgt tatsächlich spirituelle Sprengkraft.

Mittlerweile sind wir zum Glück moderner geworden. Und spätestens seit dem „zweiten internistischen Konzil“ ist klar, dass eher die partnerschaftlich orientierte Patientenführung zu bevorzugen ist. Mit anderen Worten: Nun wird der mündige Patient gefragt, ob er seine „endoskopisch retrograde Cholangio-Pancreoticografie“ auch wirklich haben möchte. Erst bei dessen zweifelloser Zustimmung bekommt er den Schlauch zu fressen.

Das beruhigt, denn nun haben nicht wir Ärzte die ganze Last der Verantwortung zu tragen, sondern auch der Patient. Ganz partnerschaftlich. Einwände des Betroffenen, ob dieser Eingriff wirklich notwendig sei, und auch die Frage, ob denn „retrograd“ bei Moskau liege, können mit einem milden Lächeln ignoriert werden. Einfach zustimmen, der Rest übernehmen wir.

Gibt er jedoch keine Einwilligung zu diesem wohlfeil erdachten schönen Eingriff, so wird er wohl mit der geballte Ladung an Liebesentzug zu rechnen haben. Die Diagnose „Querulant“ wird elektronisch vermerkt und begleitet den Patienten fortan sein restliches medizinisches Leben.

Insofern ist so eine Visite dafür bestens geeignet. Denn auch wenn Patienten im Angesicht eines einzelnen Arztes heutzutage öfters zu bocken beginnen – die konzentrierte Macht in Weiß leistet dann doch erstaunliche Überzeugungsarbeit. So hoffe ich inständig, dass dieses schöne Hofzeremoniell noch lange bestehen bleiben wird.

Von Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 22 /2009

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