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Kolumne Nebenwirkungen 16. Mai 2012

Medizinische Rituale

Selbst in der modernen Medizin werden uralte Rituale und Stammesbräuche nach wie vor gepflegt.

Die Naturwissenschaft, so sollte man meinen, ist gegen profane Riten, Aberglauben und traditionelle Folklore immun. Stammen diese uralten Gebräuche doch aus einer Zeit, in der Krankheiten göttliche (und keine ärztliche) Fügungen darstellten; aus einer Zeit, in der Priester medizinische Dienste verrichteten; aus einer Zeit, in der Schamanen die Krankenscheine einsammelten. Obwohl sich die etablierte Medizin über all die alten und sicherlich nicht evidenzbasierten Rituale echauffiert, ist sie gerammelt voll davon. Man muss nur mit offenen Augen durch den ärztlichen Alltag wandern und das Offensichtliche wahrnehmen. Denn die Rituale liegen oft im Detail: So ist etwa die Desinfektion der Haut vor dem Einstich der heilbringenden Spritze mit einem kleinen Alkoholtupfer mittlerweile zu einer zwar kleinen, aber durchaus nett gemeinten Übersprungshandlung geworden. Eindringwütige Keime lachen sich einen Ast, wenn sie wenige Sekunden vor der Injektion ein wenig befeuchtet werden und die Nadel zudem noch ein paar Zentimeter weiter oben in das Patientenfleisch hineingerammt wird. Dennoch huldigt man dieser Form der sakralen Vorbereitung der Einstichstelle.

Auch die Visite selbst ist gelebte Tradition. Die gebotene Show steht in keinem Zusammenhang zur Effektivität der verordneten Arzneien. Da wird oft mit allen erdenklichen Mitteln über die Ahnungslosigkeit zum gebotenen Krankheitsbild hinweggetäuscht. Und wenn die Gruppe der weiß gekleideten Huldiger den Klinikchef lobpreisen und die Verordnung der Therapie mit einem salbungsvollen „Amen!“ erwidern, so wird der Besuch am Krankenbett zum religiös angehauchten Ritus.

Auch Handlungen, die durchgeführt werden, weil das „schon immer so gemacht“ wurde und die „noch niemandem geschadet“ haben, zählen zu den medizinischen Ritualen. Obwohl kaum jemand die Notwendigkeit des Kontrollröntgens nach einem gemeinen Schnupfen begreift, so findet sich dieser feine Brauch in vielen ärztlichen Landstrichen. Kleine Stoßgebete vor schwierigen Operationen gehören ebenso dazu, wie das Tragen der Glücksunterwäsche beim Schiedsgericht der Ärztekammer. Auch die Arzt-Patienten-Kommunikation ist voll von Ritualen und die beschwörende Formel „nicht rauchen, weniger essen, mehr Bewegung“, wird oft wie ein Mantra von den Ärzten für ihre Patienten vorgetragen, bekanntlich ohne nennenswerte Konsequenz, doch mit dem gewissen „Voodoo-Effekt“.

Vielleicht sollte man den Riten, all jenen Handlungen, die zwischen den Zeilen der Leitlinien stehen, etwas mehr Aufmerksamkeit widmen. Denn ein gut gemachtes Ritual kann oft mehr bewirken, als eine schlecht erdachte Therapie.

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