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Dr. Ronny Teutscher, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at
 

NebenWirkungen Spezial

… wenn man trotzdem lacht

Die Onkologie birgt wie jedes andere Fach Satirepotenzial. Aber darf man bei dieser todernsten Thematik Humor versprühen? Die Antwort ist einfach: Man darf nicht. Man muss!

Man kennt ihn mittlerweile auch in der breiten Bevölkerung. Man schätzt ihn ob des umfassenden Wissens. Man möchte allerdings nicht viel mit ihm zu tun haben. Nein, es handelt sich nicht um den Finanzbeamten, sondern den Onkologen. Jenen Facharzt, der das Unfassbare in Worte und Therapie zu fassen vermag.

Nur von den wenigsten Menschen wird heutzutage die Onkologie als Lehre männlicher Verwandter missgedeutet. Man weiß um dessen Betätigungsfeld Bescheid. Und die flapsige Aussage des Hausarztes „Na dann gehn’s halt zum Onkologen“ löst in den seltensten Fällen Begeisterung bei den Patienten aus. Denn einmal in den Händen dieses Spezialisten wird offensichtlich, was es wirklich geschlagen hat.

Zum Glück hat es sich heute herumgesprochen, dass es besser ist, in erster Linie den Betroffenen selbst über seinen Krankheitszustand zu informieren. Schließlich kannten noch vor einigen Jahren in der Regel noch Partner, Verwandte, Chef, Putzfrau und Nachlassverwalter bereits die Krebsdiagnose, bevor sich der Arzt traute, den Patienten aufzuklären.

Hat sich der Mensch mit seiner Diagnose abgefunden – und der Mensch findet sich als anpassungsfähiges Wesen mit vielen Dingen ab (denken wir nur an die Umstellung auf den Euro), so wird er sich im Krankenhaus auf einer hundsgewöhnlichen Station wähnen. Da wird nicht von früh bis spät betroffen geschaut, ehrfurchtsvoll geflüstert oder der Priester bei jeder Visite mitgeführt. Vielmehr erlebt der Patient auch dort den ganz normalen Routinewahnsinn, der dem Spital eben anheim wohnt.

Das Leben ist krebserregend

Natürlich sollten die Onkologen bestrebt sein, auch dafür Sorge zu tragen, dass sich die Zahl ihrer neuen Klienten reduziert. Daher gilt es, entsprechend Aufklärungsarbeit zu leisten. Die Krebsvorsorge ist in aller Munde, der Trend geht dahin, die Zell-Entartungen in den frühesten Stadien zu erkennen. Manchmal sogar so früh, dass sogar die Zelle noch gar keine Ahnung hat, dass sie mutieren will. Aber sicher ist sicher.

Es wird zudem auch immer schwieriger, die krebsauslösenden Noxen zu definieren. In der Vergangenheit ließen sich die Auslöser noch irgendwie einschränken: Da hatte der passionierte Pfeifenraucher Mundbodenkrebs, der Marlboro-Mann erlag seinem Lungenkarzinom, der Arbeiter in der Farbenfabrik hatte mit Blasenkrebs zu kämpfen und die Leukämie der Madame Curie ließ sich durch den recht sorglosen Umgang mit ionisierenden Strahlen erklären.

Heute ist die Krebsgefahr hinterlistig, weil ubiquitär. Da wird gewarnt, wir mögen unser aller geliebtes und verehrtes Mobiltelefon nicht ins Bett nehmen (selbst wenn es über das integrierte „Kuscheltier-Feature“ verfügt). Es sind nicht nur schimmelige Nüsse, auch Farb- und Konservierungsmittel im ganz normalen Futter (sogar in der Krankenhauskost) können zu Krebs führen, nebst dem Ablecken von Briefmarken, Inhalieren von Flatulenzgasen und regelmäßigem Konsum von Fischotterleber. Tatsächlich kann mittlerweile das ganze Leben zu Krebs führen. Das zu häufige Sitzen (Popo-Krebs), das Stecken unserer Nase in fremde Angelegenheiten (Nasen-Krebs) und das allzu häufige nonverbale Fluchen im Auto (Mittelfinger-Krebs). Zwar wird ein gesunder Körper mit einer gesunden Immunabwehr und entsprechenden Reparaturmechanismen wohl mit vielen Schädigungen fertig, aber wer ist schon gesund auf dieser Welt?

Begriffsbestimmung für Laien

Vorsorge bedeutet allerdings auch, die Menschen entsprechend aufzuklären. Dies beginnt mit der Begriffsbestimmung, was Krebs eigentlich ist. Die volkstümliche Gleichstellung von „Tumor“ und „Krebs“ lässt so manchen Pathologen verzweifeln. Denn wenn ich einem Mitmenschen die Faust auf das Auge platziere, so wird das getroffene Auge bläulich anschwellen, per definitionem wird sich also ein „Tumor“ bilden. Bin ich also bösartig? Hier muss also noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden. Übrigens kann auch ein Krebs „Krebs“ bekommen. Die Erkrankung heißt bei dem Krustentier jedoch nicht „Mensch“. Das hat mir zumindest ein Veterinär-Mediziner verraten.

Therapie modern und verwirrend

Krebs ist heute kein Todesurteil mehr, immer öfter verharrt er im Stadium einer chronischen Krankheit. Es gibt mittlerweile eine Reihe gefinkelter Behandlungsstrategien, die allerdings – sagen wir es einmal freundlich – überarbeitenswert sind. Einen krebskranken Menschen mittels Chemotherapie Gift einzuflößen und zu hoffen, dass der Tumor das Gift schlechter verkraftet als der Mensch selbst, macht auch die Onkologen unzufrieden. Und so gehören sie sicherlich zu den innovativeren Kollegen der Ärztespezies, entwerfen für Nicht-Onkologen verwirrende Behandlungspläne, um der Erkrankung den Stachel zu nehmen. Als eine der wenigen Fachrichtungen sind sie auch nett zu Komplementärmedizinern.

Eine der großartigsten adjuvanten Therapien ist jedoch das Lachen. Gerade hier, wo der Humor oft auf der Strecke bleibt, wird er gebraucht, wie ein Bissen Brot. Unabhängig von der Prognose. Denn Lebenszeit an sich ist ohnehin etwas sehr Relatives. (So verstarb Monsieur Curie trotz ebenfalls sorglosen Umgangs mit Uran an einem Verkehrsunfall mit einer Pferdekutsche). Die Erkrankung ist eine Lebensherausforderung, viele Patienten werden sich erstmals in ihrem Leben bewusst, was Leben heißt. Und Humor gehört nun einmal zum Leben dazu. Er hilft. Und zwar ohne Nebenwirkungen.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 19/2009

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