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Kolumne Nebenwirkungen 10. April 2012

Schlechtwetterverbot im öffentlichen Raum

Übles Wetter stellt einen hohen kardiovaskulären Risikofaktor dar. Daher braucht es Gesetze zur Reglementierung eines Tiefs.

All unsere Bemühungen, die Patienten von der Couch in die freie Natur zu bewegen, sie zu animieren und ihren gut über die Wintermonate gefütterten „Body“ „in Motion“ zu versetzen, fruchten erst, wenn das Wetter mitspielt. Ich möchte fast so weit gehen, dass schlechtes Wetter einer der wesentlichsten unabhängigen Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen in unseren Breiten darstellt.

Insofern sollte man auch seitens der Politik reagieren und in Gaststätten getrennte Bereiche für Schlechtwetter-Fronten schaffen sowie Tiefs im öffentlichen Raum gänzlich verbieten. Von speziell für diese Zwecke geschulten Denunzianten könnte ein geheim im Waldviertel vor sich hin regnendes Wölkchen dem Gesundheitsministerium gemeldet werden. Tatsächlich motiviert ein Tag echtes Frühlingswetter mehr zur Bewegung, als 40 Jahre auf einen sturen Patienten einzureden. Das glöckchenhafte Gezwitscher einer Kohlmeise bringt Sportmuffel dazu, sich zumindest einmal am Balkon kurz zu strecken, bevor sie wieder auf der Couch Platz nehmen.

Das ist jedoch den anspruchsvollen Medizinern zu wenig. Mindestens ein halbes Stündchen Bewegung sollte es schon sein, und man müsste auch noch ins Schwitzen kommen. Dann werfen sie mit Begriffen wie aerober Bereich oder Trainingsfrequenz um sich, dass dem Durchschnittsbürger gleich wieder schlecht wird. Der gewiefte faule Mensch kontert hier mit Rechenbeispielen: Denn der Gefahr, durch ungesunden und trägen Lebensstil, durch abdominelle Überfettung und koronare Einengung zu versterben, muss das nicht minder geringe Risiko einer schweren Verletzung entgegengehalten werden. Je wärmer die Jahreszeit, desto übermütiger unsere Patienten. Und die Freude des Internisten ist mitunter das Leid des Unfallchirurgen. Schließlich stellen sich nicht alle Amateurbeweger gleich geschickt an und das Aufwärmen vor einer Sportart gilt als Warmduscher-Aktion. So werden die kommenden Monate die mehr oder minder stark lädierten Opfer diverser Breitensportarten unsere Ambulanzen frequentieren.

In ihrem optimalen Trainingsbereich und mit sauberen Herzkränzen sitzen sie dann mit eingerissenen Menisci und geprellten Knochen im Wartebereich; gleich neben den feixenden Hypertonie-Patienten, die sich der Genusssucht hingegeben haben. Natürlich verheilen Bänder und Muskeln eher als ein verkalktes Gefäß oder ein metabolischer Su-per-Gau im Körper. Aber mitunter kann sich ein glücklich ungesunder Mensch auf der Sonnenliege gegenüber einem verbissen gesunden Zwangsneurosen-Jogger über eine längere Lebenserwartung erfreuen. Nicht statistisch. Aber im nicht so seltenen Einzelfall.

Also raus in die Natur, wenn es Sie bei so einem Wetter lockt. Oder drin bleiben. Hauptsache, es bereitet Lebensfreude.

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