zur Navigation zum Inhalt
 
Kolumne Nebenwirkungen 28. März 2012

Jungärzte an der Leine

Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Das ist auch den angehenden Jungmedizinern klar. Aber ein wenig mehr, als ein Frondienst sollte es doch sein.

Der zurzeit vorherrschende Groll des Nachwuchses ist verständlich. Denn spätestens nach dem zweiten Ausbildungsjahr beherrschen es die Meisten, einen erhobenen Blutwert in das richtige Kästchen einzutragen. Und damit endet in der Regel auch der Fortbildungsauftrag eines Lehrspitals.

Könnte man sich vorstellen, dass ein auszubildender Dachdecker nie ein Dach betritt? Er darf die Dachziegel bestellen, sie auf das Dach hinaufbringen und kurz einen Blick durch die Luke werfen. Nach abgeschlossener Lehre muss er zum ersten Mal alleine am First balancieren. Auch ein Bäckergesell, der zwar den Teig kneten und das Mehl wegkehren darf, in seiner gesamten Ausbildungszeit jedoch nie einen Striezel geflochten hat, sollte den Kunden suspekt sein.

In der Medizin hat diese Vorgehensweise seit Jahrzehnten Tradition. Dies hat mehrere Gründe: Zum einen braucht man williges Fußvolk, das den älteren Kollegen nicht nur huldigt, sondern ihnen auch die schweren Befunde hinterherträgt. Zum anderen stellt sich immer die Frage, wann man das erste Mal einen medizinischen Jungterrier von der Leine und auf einen Patienten loslassen soll. Denn dies ist heikel und stellt für die Ausbildner naturgemäß einen gehörigen Zeitaufwand dar.

Auch wenn die verkorksten Strukturen dafür verantwortlich gemacht werden, dass die Jungen nichts lernen, im Endeffekt liegt es ausschließlich am Willen des ausbildenden Arztes. Denn einen Turnusarzt kurz mal ins Endoskop hineinschauen zu lassen („… aber nix angreifen!“) oder eine Geburt leiten zu lassen („… wenn du brav bist, und nix angreifst, darfst du auch die Nabelschnur durchbeißen“) ist das eine. Den Jungen das Handwerk beizubringen, das andere.

Vielleicht ist es eine tief liegende Angst der älteren Kollegen, dass ihnen die Jüngeren den Rang ablaufen. Vielleicht auch die Angst, dass eine Spirometrie, eine Punktion oder die Entfernung eines Lipoms doch nicht so viel Geschick, Erfahrung und medizinisches Gespür brauchen, wie man glauben möchte, wenn man es selber noch nicht probiert hat.

Wenn wir auch unseren Patienten, den „medizinischen Laien“ glaubhaft verklickern können, dass das Wissen vom Körper so unendlich komplex, das Heilen so übermenschlich, der Arzt so unentbehrlich ist, sollten wir zumindest beim Nachwuchs diesen Nimbus ablegen. Früher oder später erfahren sie es ja doch, dass selbst der Universitätsprofessor nur mit Wasser kocht, nicht jedoch über das Wasser gehen kann, und nur mit einem Skalpell schneidet, nicht jedoch durch die Jahrtausende lange Erfahrung die Patienten mit bloßen Händen operiert. Dann sind wir vielleicht nicht mehr Halbgötter, aber zumindest Halblehrer in Weiß.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben