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Kolumne Nebenwirkungen 24. April 2009

NebenWirkungen – Eine Hand wäscht die andere

Obwohl in unseren Schulen „Basteln“ und „Textiles Werken“ gelehrt wird, ist „Netzwerken“ kein eigenes Fach. Dabei ist kaum etwas hilfreicher für den hoffnungsvollen Karriereweg in der Medizin, als ein kleiner Schubs guter Freunde.

Wer war nie versucht, im Zuge seiner medizinischen Karriereplanung ein wenig nachzuschieben? Etwa beim Ärzteball an den über das Parkett glühenden Abteilungsvorstand im flotten Foxtrott herantanzen, Körperkontakt herzustellen und beiläufig das Interesse an einer Ausbildungsstelle zu deponieren. Den Krankenhausleiter bei der Weihnachtsfeier betrunken zu machen, um einen zufällig mitgebrachten Vertrag unterzeichnen zu lassen. Oder sich auch durch kleine Aufmerksamkeiten, das Nachtragen der Aktentasche oder das Massieren der müden Chef-Füße einen kleinen Startvorteil zu verschaffen.

Im Zeitalter transparenter Ausschreibungen, objektiver Auswahlkriterien und unbestechlicher Vorgesetzter sind diese Vorgehensweisen leider nicht mehr zielführend. Und war es früher noch üblich, mittels Erbrecht zu angesehenen Posten zu gelangen, so muss man heutzutage schon etwas tiefer in die Trickkiste greifen. Schließlich muss die Rechnung zehn Prozent Talent, zehn Prozent Glück, zehn Prozent Fleiß und 130 Prozent Protektion auch in diesen Tagen aufgehen.

Die altbewährten Seilschaften, wie Cartellverband, Freimaurer oder Sparverein sind zwar nach wie vor sinnvoll, das Internet stellt jedoch eine immer ernst zu nehmendere Konkurrenz dar. Sich elektronisch zu vernetzen ist heute très chic. Karriere-Plattformen wie Xing versprechen da ungeahnte Chancen auf die Cocktailkirschen unter den Jobs. Und über Facebook sind wir ja sowieso alle miteinander befreundet. Das kann mein guter alter Freund Barack Obama gerne bestätigen. Nicht alle sind firm im Umgang mit dem Internet, was den firmeren Computer-Freaks unter den Ärzten zum Vorteil kommt. Und die hohe Kunst des Online-Reinschleimens will auch gelernt sein.

Natürlich gibt es sie, die Self-Made-Vorstände. Die sich aus den Slums der Wiener Bronx emporarbeiten konnten, durch Ehrgeiz und Eloquenz die zuständigen Gremien überzeugen und als einfaches Schneiderlein in den Olymp der medizinischen Elite einziehen. Aber oft findet sich in der Biografie dann doch der eine oder andere Onkel, Taufpate oder Swingerclub-Kollege, der ein wenig antaucht. Und so ein kleines Namedropping an richtiger Stelle kann nach wie vor so manche Türe öffnen. Eine Hand wäscht die andere und wir Mediziner wissen, wie gründlich chirurgisches Händewaschen ist.

Also, liebe Entscheidungsträger für all die geilen Posten, die es zu vergeben gilt: Denkt an mich, denn sonst sag ich das meinem guten alten Freund Barack.

Von Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 18/2009

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