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Kolumne Nebenwirkungen 31. Jänner 2012

Durch dick und dünn

Schwierige Patienten sind mitunter leichter handzuhaben, als gesundheitliche Musterschüler.

Ein korpulenter Mensch betritt unsere Praxis. Unser messerscharfer, seit Jahren geschulter diagnostische Blick erkennt sofort und ohne technische Hilfsmittel das Innenleben unseres Gegenübers: Hier haben wir es mit einer unbelehrbaren, schwer motivierbaren Person zu tun, die uns voraussichtlich in den kommenden Minuten des Gespräches anlügen wird.

Doch es gibt Schlimmeres: Ein schlanker Mensch betritt unsere Praxis. Denn die Beschwerden, mit denen dieser zu uns kommt, können wir voraussichtlich nicht mit den üblichen Standpauken „weil Sie zu dick sind“, „weil Sie sich zu wenig bewegen“ oder „schauen Sie mich an und nehmen Sie sich ein Beispiel!“ abgehakt werden. Im Gegenteil: Gerade bei solchen Patienten beißen wir oft auf Granit, wenn er sich trotz höchst gesunder Lebensweise – von Trennkost über täglichen Sport bis hin zur abgelegten Yoga-Lehrer-Prüfung und der strikten Verweigerung jedweder Genussmittel – krank fühlt.

Nach dem „Kleinen-Eisbär-Gleichnis“ („Tradition in Ehren, Mama, aber mir ist kalt!“) blicken wir nun einer realen Gegebenheit ins Auge, die wir trotz hervorragendem Lebensstil (bzw. warmen Fell) nicht erklären können. Selbst die ausgetüfteltsten Blutuntersuchungen bringen uns nur wenig Stoff für Belehrungen („bei so einem Cholesterinspiegel wundert mich nichts“), die Anamnese ist makellos und der Status weist auf eine gestählte Person mit noch gestählterem Körper hin. Wie will man etwas verbessern, wo es nichts zu verbessern gibt?

Vielleicht liegt es ja am Stress, schließlich ist Burnout bekannt für Leiden, die sich nicht aus dem Gerinnungsröhrchen herauslesen lassen. Doch auch hier fallen wir mit Tipps zum besseren Zeitmanagement ins Leere, da unser Patient neben der täglichen Meditation schon längst auf Teilzeitarbeit umgestellt hat, um sich seinen liebsten Hobbys (die allesamt dazu geeignet sind, Geist, Körper und Seele in Einklang bringen) und seiner bezaubernden und garantiert nicht ge-patch-workten Familie zu widmen. Wir finden kein Trauma, keine psychopathologische Auffälligkeit, außer der Tatsache, dass sich dieser Musterschüler krank fühlt.

Sicherlich gibt es da etwas; eine larvierte Depression, ein subklinischer Mangel an Spurenelementen, möglicherweise eine Art Orthorexie, ein zu viel an Normalität, aber die Suche danach ermüdet den besten Diagnostiker. Irgendwann sehnen wir uns nach unserem dicklichen Patienten, um ihn ordentlich den Kopf waschen zu können.

Von Dr. Ronny Tekal-Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at, Ärzte Woche 5 /2012

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