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Kolumne Nebenwirkungen 24. Jänner 2012

Keine Garantie

Die „geplante Obsoleszenz“, also die beabsichtigte frühzeitige Veralterung von Produkten, macht auch vor der Medizin nicht Halt.

Dass Dinge, die von Menschen erzeugt werden, nicht ewig halten, ist hinlänglich bekannt. Sogar Dinge, an die der Mensch primär nicht Hand angelegt hat, besitzen ein Ablaufdatum: Auch Bäume fallen um, Berge bröckeln ab und selbst Sterne wandeln sich in Riesen, Zwerge und schwarze Löcher.Unzufrieden macht lediglich die Tatsache, dass wir für viele Gebrauchsgegenstände bezahlt haben und daher auch erwarten, dass diese halten. Wenn schon nicht ewig, dann zumindest doch sub-ewig.

Doch der Sachverhalt stellt sich in der realen Welt etwas anders dar: Drucker werden nach dem ersten Patronenwechsel launisch, Kaffeemaschinen weigern sich, etwas anderes herzustellen als lauwarmes Wasser und selbst teure Autos verschlingen Unsummen an Reparaturkosten. Dem geübten Verschwörungstheoretiker fällt sofort das perfide ausgetüftelte System ins Auge, das hinter all diesen Phänomenen steckt: Hier wurde absichtlich manipuliert, um Schäden unmittelbar nach Ablauf der Garantie entstehen zu lassen.

Tatsächlich ist dies als geplante Obsoleszenz bekannt und Teil der funktionierenden Marktwirtschaft, die neue Produkte an die Kundschaft bringen möchte und kein Interesse an dauerhaft funktionierenden Gegenständen hat. Dies lässt den Verdacht aufkeimen, dass auch in der Medizin solche Produkte unter die Patienten gebracht werden: Zahnimplantate mit Sollbruchstellen oder mit Mehl gestreckte Dauermedikamente, die nicht mehr so greifen wie zu Beginn einer Therapie. Das belebt die Wirtschaft und geht’s der Wirtschaft gut, geht’s den Ärzten gut, geht’s den Patienten gut.

Es gibt auch die Möglichkeit, das Ablaufdatum eines Produktes zu verkürzen, indem in die Kunden der Wunsch gesät wird, etwas Neues besitzen zu müssen. Selbst wenn Handys nach 18 Monaten noch funktionieren würden, will man doch das neueste Modell. Ein wenig Werbung für die „künstliche Hüfte 4S“, die nun auch über Spracherkennung verfügt und mittels Bluetooth mit dem Autoradio kommunizieren kann, lässt an sich zufriedene TEP-Besitzer nach Neuem gieren. Wenn die kleinen weißen Pulverln zwar immer geholfen haben, nun aber die kleinen blauen Tabletten en vogue sind, verlieren die Weißen ihre subjektive Wirksamkeit. Und wenn sich ein Patient die Gallenblase nach der neuesten laparoskopischen Technik entfernen ließ, nun jedoch eine noch neuere und schonendere Technik die Entfernung über das Ohr verspricht, so will er garantiert ein zweites Mal unters Messer (für die zweite Gallenblase).

Letztlich gibt es die Obsoleszenz auch bei den guten, alten Hausärzten. Zumindest für die Kassen, die es auf die neueste Version „Hausarzt 2.0“ abgesehen haben (ein in der Anschaffung und im Erhalt billigeres Modell, mit neuen Features wie etwa dem „Generika-Modul“). Über die umweltfreundliche Entsorgung des alten Hausarztmodells wird noch zu diskutieren sein.

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