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Kolumne Nebenwirkungen 10. Jänner 2012

"Last Christmas...!"

Im neuen Jahr gilt es, die Weihnachtsgeschenke unserer Patienten aufzuarbeiten. Dies erfordert Fingerspitzengefühl.

Nun ist die Weihnachtszeit vorbei und in den Ordinationen des Landes stapeln sich noch die Geschenke der Patienten: Selbstgehäkelte Instrumentenwärmer, abgelaufene Pralinen oder halb ausgetrunkene Spirituosen. Die beschämend teure Kristallvase der Mindestrentnerin, der beschämend billige Fusel des Top-Managers – all unsere Patienten wollen uns ihren Dank für Gesundheit und Wohlergehen auf diese Weise zollen.

Vielleicht sollen ja auch die Götter in Weiß mit diesen Opfergaben für das kommende Jahr milde gestimmt werden. Es ist nicht auszuschließen, dass einige Schenker nicht nur selbstlos Freude bereiten möchten, sondern das weihnachtliche Präsent auch als Investition in die Zukunft und als Aufstiegshilfe für eine erfolgreiche Patientenkarriere sehen.

Die Höflichkeit gebietet es uns, all diese Geschenke mit großer Freude entgegenzunehmen. Schließlich gibt es von anderer Seite – etwa von Banken und Kassen – für uns nicht mehr als ein paar geheuchelte Grußkarten mit den „besten Wünschen“.

Da sind Geschenke aus Patientenhand schon ehrlicher. Und selbst wenn wir nicht genau wissen, wohin damit, darf man sich glücklich schätzen, dass in der Stadtordination nicht wie früher mit einem halben Schwein oder zwei Säckchen Holzkohle beschenkt wird.

Im neuen Jahr wird es schwierig, hier den Überblick zu bewahren, wenn man sich bei den Patienten bedanken möchte. Da kann es schon zu peinlichen Situationen kommen. So sollte man in jedem Fall die Fangfrage „haben Sie etwas mit meinem Geschenk anfangen können“ sofort mit einem geschickten „sehen wir einmal, was Ihr Cholesterinspiegel nach den Weihnachtsferien so treibt“ kontern.

Geschenke aus Dankbarkeit können die Ärzte durchaus auch in Verlegenheit bringen. Wenn etwa ein Nachtclub-Besitzer, erfreut über seine rasche Genesung, den Mediziner auf einen Gratisbesuch in sein Etablissement bittet oder eine alleinstehende Pensionistin die Belegschaft zu sich nach Hause auf Kaffee und Kuchen einlädt. Aus unterschiedlichen Motiven muss und möchte man tendenziell eher ablehnen.

Andere wiederum sind derart über ihre Genesung erfreut, dass sie sich im Überschwank hinreißen lassen, für das behandelnde Team aufzugeigen, wie jüngst der prominente AKH-Patient George Michael. So dürfen sich vielleicht schon kommende Weihnachten die Kollegen im größten heimischen Krankenhaus bei abgelaufenen Pralinen und reichlich Fusel auch noch mit „Last Christmas“ aus nächster Nähe berieseln lassen. Dank zu erhalten kann eben manchmal ganz schön an die Substanz gehen.

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