zur Navigation zum Inhalt
 
Kolumne Nebenwirkungen 15. November 2011

Unzufriedene Zufriedenheit

Trotz positiver Umfragewerte zu unseren Leistungen stellt sich die Frage, ob Patienten ihre Begeisterung für unsere Behandlung nur vortäuschen?

Menschen geben sich oft mit Dingen zufrieden, die sie als zumindest verbesserungswürdig erwachten. Diese archaische Eigenschaft, sich in einem gewissen Zweckoptimismus zu üben, hat uns sicher über Jahrtausende als Spezies überleben lassen. Nur durch Aussagen wie „das Wohnen in kalten, feuchten Höhlen ist tatsächlich viel besser, als das Schlafen auf den Bäumen, Chef“ kam die Menschheit in ihrer Entwicklung voran.

Obwohl wir Österreicher Meister im Dauer-Raunzen sind, wissen wir auch, wann es günstig ist, den Mund zu halten oder gar Lob auszusprechen: Nämlich dann, wenn wir mutmaßlichen Autoritäten Honig ums Maul schmieren wollen. Und Ärzte zählen nun einmal zweifelsohne zu solchen Autoritäten. Dies ist einerseits schmeichelhaft für uns, wenn wir ernstgenommen und respektiert werden. Auf der anderen Seite können wir uns auch nie ganz sicher sein, ob Patienten ihre Begeisterung nur vortäuschen. Und das würde uns tief in unserer Ärztlichkeit treffen.

Es sollte uns zu denken geben, dass uns Patienten zumeist freundlich gegenübertreten. Denn gibt’s was zu beanstanden, so wird der gesammelte Missmut meist bereits im Vorzimmer abgeladen. Die dort wohnhaften Sprechstundenhilfen müssen die harsch formulierte Kritik abfangen, die bösen Worte in mundgerechte Häppchen filetieren und dem Arzt auf einem kleinen Silbertablett in den Behandlungsraum servieren. Kein Wunder, wenn dieser bei einer derart hübsch angerichteten Beschwerde keinen allzu großen Handlungsbedarf sieht.

Ist der Patient mal an der Reihe und steht er dem Arzt leibhaftig gegenüber, so verpufft die ganze Aufregung über stundenlange Wartezeiten, bürokratische Hürden oder oftmalige Vertröstungen. Und auf die Nachfrage des Arztes nach der geäußerten Kritik beschwichtigt der Patient, dass „alles nur halb so schlimm wäre“.

Dies lässt in der Tat Zweifel aufkommen, ob Patienten in den beliebten Umfragen tatsächlich so zufrieden mit uns sind; ob neue Therapien wirklich um so viel besser wirken, als die alten; oder ob die sechswöchige Kur, die zum Abschluss von den Patienten mit „höchst erfolgreich und segensbringend“ beurteilt, in Wahrheit als „entbehrlich“ empfunden wurde.

Nur wenige Patienten (diese aber dafür mit voller Vehemenz) trauen sich, ihrem Arzt ins Gesicht zu sagen, dass sie mit dessen Leistung oder den neuen, teuren Medikamenten nicht zufrieden sind. Da wird lieber in Kauf genommen, weiterhin mit Schmerzen herumzulaufen, nur um den Arzt des Vertrauens nicht ins Vertrauen ziehen zu müssen.

Abgeladen wird der angestaute Frust dann wieder beim Verlassen des Behandlungsraumes. Das bekommen aber die meisten Ärzte dann gar nicht mehr so mit.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben