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Kolumne Nebenwirkungen 9. November 2011

Bitte warten

Zusammengerechnet verbringen Patienten viele Monate oder gar Jahre ihres Lebens in Wartezimmern. Diese Zeit gilt es, sinnvoll zu nutzen.

Bei der Analyse der menschlichen Existenz kommen ernüchternde Tatsachen zu Tage. So verbringt ein Mensch rund fünf Jahre seines Lebens damit, zu warten. Dies ist kaum weniger, als zu arbeiten (7 Jahre), deutlich mehr, als Sport zu betreiben (1 ½ Jahre), zu kochen oder Brote zu schmieren (2 Jahre) oder am Klo zu sitzen (6 Monate).

Warten nimmt also einen großen Teil in unserem irdischen Dasein ein. Ob es danach, also im postirdischen Dasein, auch zu längeren Wartezeiten kommt, ist ungewiss und kann von der jeweiligen religiösen Weltanschauung abgeleitet werden.

Dabei geht es nicht um das Warten im Großen, das Warten auf den richtigen Partner, auf den Lottogewinn, auf bessere Zeiten oder auf Godot. Die fünf Lebensjahre werden für ganz profane Dinge verwartet, an der Supermarktkasse, beim Skilift, auf Gäste oder beim Arzt im Wartezimmer.

Dieser Bereich stellt wohl im Laufe eines Patientenlebens den größten Posten an Wartezeit dar. Für chronisch Kranke oder Personen mit hypochondrischer Neigung wird der Wartebereich quasi zum verlängerten Wohnzimmer.

Sich über die langen Wartezeiten zu grämen oder gar seinem Ärger beim ortsansässigem Personal Luft zu machen bringt in den wenigsten Fällen etwas, außer Magengeschwüre, Blutdruckkrisen und Maßregelungen von eben diesem Personal.

Man sollte sich daher entsprechend vorbereiten, um die verwartete Lebenszeit so angenehm wie möglich zu gestalten. Eine entsprechend gute Ausrüstung ist für einen Arztbesuch mindestens genauso wichtig, wie zur Besteigung des K2. Es genügt nicht, sich mit dicken Büchern, Stricknadeln oder Notebooks auszurüsten. Auch ein gutes Schuhwerk ist wichtig: Rutschfeste Sohle, um beim Aufruf „Der nächste, bitte“ zum Durchstarten einen guten Grip zu haben. Empfehlenswert auch Rückenprotektoren, Knie- und Ellbogenschützer, denn die Gegner im Wartezimmer können im Kampf um die Pole-Position äußerst brutal vorgehen.

Bei Augenärzten kann zudem, aufgrund der besonders langen Wartezeit, eine Yoga-Matte mitgebracht werden, sowie – als kleiner Solidarbeitrag für die Mitpatienten - ein Video-Beamer, der den Director’s Cut von Ben Hur an die Wand des Wartezimmers projiziert.

Wahrscheinlich reicht die in Ambulanzen und Ordinationen verwartete Zeit sogar aus, um ein kleines Fernstudium zu absolvieren: Medizin würde sich anbieten. Dann sitzt man eines Tages ja vielleicht auf der anderen Seite der Tür und wartet geduldig darauf, bis sich das Wartezimmer in den späten Abendstunden langsam leert.

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