zur Navigation zum Inhalt
 
Kolumne Nebenwirkungen 31. Oktober 2011

Herbstbeschwerden

Der Herbst ist wieder da und hat unsere Patienten mit voller Wucht in die Wartezimmer getrieben.

Es scheint wie verhext, aber irgendwie scheint es jedes Jahr aufs Neue einen Herbst zu geben. Dies bedeutet verregnete Tage, dunkle Morgenstunden, wolkenverhangene Gemüter und volle Arztpraxen.

Im Herbst kommen viele Wehwehchen zu Tage, die in den ande-ren Jahreszeiten geflissentlich übergangen werden. Klassisches Beispiel: die Herbstdepression. Dies bedeutet nicht, dass die Menschen im Sommer, von der inneren Einstellung her, besser gelaunt wären. Aber man passt sich gesellschaftlich an und schwimmt auf der Summer-splash-und-gute-Laune-Welle mit. Man möchte sich ja nicht von den gebräunten Sommergenießern als Spaßbremse titulieren lassen.

Wenn der erste sonnengegerbte Kollege nach den Sommermonaten allerdings meint: „Na, jetzt sind wir aber alle gut erholt und können voller Kraft ins Arbeitsjahr gehen“, verschwindet bei all jenen, die im Sommer eigentlich lieber deprimiert gewesen wären, jegliche Standfestigkeit und macht der Melancholie Platz. Im Herbst kann man schließlich niemand anderen den Spaß verderben. Dazu kommt eine Vielzahl von Infekten, vom gemeinen Schnupfen bis zur komplizierten Nebenhöhleneiterung, die nicht nur auf die Nase, sondern auch aufs Gemüt drücken. Dies sei, wie uns die Experten versichern, eine Folge überheizter Räume und des fehlenden Bedürfnisses der Mitbürger, sich nach dem Schnäuzen in die Hände selbige auch zu waschen. Dagegen ist man machtlos, denn Räume werden nun mal im Herbst geheizt und es gibt bislang kein Gesetz, das das genüssliche Verschmieren von Keimen in der U-Bahn verbietet.

Immunsystem als Bankkonto

Die Experten gehen jedoch einen Schritt weiter, indem sie uns verklickern, dass nur ein intaktes Immunsystem in einem intakten Körper mit einem intakten Geist dazu fähig ist, den Erregern Paroli zu bieten. Damit sind wir letztendlich selber schuld, wenn wir mit triefender Nase und heiserer Stimme herumlaufen. Denn das Immunsystem ist wie ein Bankkonto. Sparst Du in der Zeit, so hast Du in der Not: Hättest Du also dieses Joghurt mit der Kraft der Acerola-Kirsche im Sommer gefuttert, so wäre dir der Infekt erspart geblieben. Auch das fahrlässige Unterlassen der täglichen Kniegüsse und des regelmäßigen Nordic-Walking-Trainings lässt das Mitleid für die nun Erkrankten schwinden. Heute haben wir es amtlich, was Omi immer schon gesagt hat, dass nämlich mit nassen Haaren ins Freie zu gehen, zu viel Süßigkeiten zu naschen und ein fehlender Schal ins herbstliche Verderben führt.

Diese von den Omis und Gesundheitsexperten empfohlene Selbstgeißelung lässt den Herbst noch deprimierender erscheinen. Dabei soll er doch der schönste Maler sein.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben