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Kolumne Nebenwirkungen 10. Oktober 2011

Patientenflüsterer

Der patriarchalische Arzt hat ausgedient. Heute kommen Ärzte in ihrer Rolle als Gesundheitscoach auch ohne Peitsche aus.

Nun ist es soweit und unser aktuelles Bühnen-Kabarett-Programm „Patientenflüsterer“ erblickt auf den heimischen Bühnen das Scheinwerferlicht der Bretterwelt. Im Zuge der Recherchearbeit zur Verbesserung der Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten sind mein lieber Kabarettpartner Norbert Peter und ich auf einige bemerkenswerte Dinge aus der Welt der Pferde gestoßen. Bekannte Pferdeflüsterer wie Monty Roberts (oder sein filmisches Pendant Robert Redford) zeigen, was möglich ist, wenn man Druck und Zwang aus seinem Repertoire streicht. Und tatsächlich scheint’s Reiter und Gaul zu gefallen.

Nach dem Motto „Was ein Pferdeflüsterer kann, können Mediziner schon lange“ wollen wir überprüfen, ob die Techniken, die sich bei Pferden bewährt haben, tatsächlich zu angstfreien und – vordergründig – selbstbestimmten Patienten führen. Man muss dazu sagen: Nicht jeder Arzt sieht aus wie Redford, nicht je-der Patient ist ein Pferd. Da gibt es gewaltige biologische Unterschiede. Schließlich geht ein Patient in der Regel auf zwei Beinen, außer er braucht eine Bewilligung vom Chefarzt, dann auch auf vier; Pferde haben Brandmale, Menschen Eheringe und das Mann-Frau-Bild ist auch anders: Welcher Hengst gibt damit an, 1 PS unter der Haube zu haben, und welche Stute verbringt Stunden damit, Hufeisen einzukaufen?

Um als Arzt Patienten verstehen zu können, muss man ihre Position erkennen: Der Mensch ist von seiner Geschichte her Jäger und Sammler (heute eher Moorhuhn-Jäger und Sticker-Sammler beim Spar). Doch wird der Mensch zum Patienten gemacht, so vollzieht er eine Metamorphose zum ängstlichen Fluchttier, wie es eben auch ein Pferd ist. Und da Flucht im Gesundheitswe-sen keine sinnvolle Option darstellt, sorgt diese Situation für gehörigen Stress. Manche werden rabiat, wenn sie zu lange warten oder gar ein nachgereihter Patient zuvor zum Arzt eingelassen wird. Im Wartezimmer ist sich schließlich jeder selbst der Nächste, bitte!

Ein Mediziner, der um diese Furcht weiß, wird auf dem besten Weg zum Patientenflüsterer. Die meisten Ärzte haben jedoch noch nicht viel von der Kraft des Flüsterns gehört. Nicht von ungefähr prangt über den meisten Portalen heimischer Krankenhäuser der Schriftzug: „Wenn Du zum Patienten gehst, vergiss die Peitsche nicht!“ Diese Herangehensweise mündet bekanntlich in einer erbärmlichen Compliance.

Studien zufolge zahlt es sich aus, vom weißen Ross zu steigen, wenn man mit seinen Patienten redet – auf Augenhöhe. Wenn man vom Patientendompteur zum Patientenflüsterer mutiert. Das hat den Vorteil, dass der Patient kein Nackenweh vom Aufwärtsblicken und der Arzt keine Rückenschmerzen vom Runterbeugen bekommt. Ausprobieren lohnt, selbst wenn man nicht aussieht wie Robert Redford.

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