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Illustration: DI Niel Mazhar
 
Kolumne Nebenwirkungen 27. März 2009

Restart your Heart

Vor wenigen Wochen habe ich an dieser Stelle bereits auf die Bedeutung des Herzens und die Wichtigkeit der Kardiologen hingewiesen. Doch auch Laien als Ersthelfer sind von immanenter Bedeutung.

Zuvor seien jedoch die Notfallmediziner, als beeindruckende Gattung, vor den Vorhang geholt. Sie liefern jenen Stoff, aus dem die George Clooneys gemacht sind: TV-gerechte Action. Im direkten Vergleich sehen wir Allgemeinmediziner ein wenig alt aus. Das Einstellen eines Diabetes wird höchstens für den Vorabend des bayrischen Rundfunks als fernsehtauglich eingestuft. Und das teure Emergency-Kit wartet in der Lade gelangweilt auf das nächste Service.

 

Der Unterschied zwischen Notfallmediziner und Praktiker mit hoch gezüchtetem Pensionisten-Fanclub kann größer nicht sein: Hier werden zackige Kommandos gegeben, dort ein mühsames Aufklärungsgespräch geführt. Die Notfallärzte üben Druck auf die Brust aus, die Praktiker Druck auf das Gewissen des Punschkrapfen-verzehrenden Zuckerkranken. Hier wird elektrisch ins Leben zu-rückgeschockt, in der Ordination ein Harnstreiferl ins Glas getunkt. Hier geht es um Leben und Tod, dort um weißen oder gelben Verordnungsschein. Dass die Kollegen von der Notfallfront dennoch irgendwie entspannter aussehen, als der durchschnittliche Praktiker, scheint verwunderlich. Aber es dürfte gerade das Chronische sein, das uns so rasch ermüden lässt.

Vor Sorge um das Herz

Dafür haben wir Allgemeinmediziner uns einer wesentlichen Aufgabe verschrieben: Der Vorsorge. Obwohl schon dieses Wort zum Gähnen anregt, ist der Stellenwert beim Thema Herz nicht zu unterschätzen. Der Herzschutz ist im Ranking über präventive Programme für Milz oder Speicheldrüsen angesiedelt. Und von der Aktion „Rettet die Kniescheibe“ habe ich auch noch nie was gehört.

Wir können dabei auch auf eine Vielzahl an Studien am Herz zurückgreifen. Jeder nur erdenkliche Bereich wurde von den habilitierungsbedürfigen Kollegen bereits abgegrast. Man sollte meinen, hier wäre schon alles gesagt. Nichtsdestotrotz verlängert sich die Liste der kardiovaskulären Risikofaktoren stündlich. Bewegungsarmut, Diabetes, Hypercholesterinämie, Rauchen, fett essen, süß essen, schlecht gekocht essen, zuwenig trinken, zuviel trinken, übermäßiger Konsum von Comic-Heften oder unanständigen Gedanken gehören zu den bisher bestätigten Parametern. Auf Weitere darf man gespannt sein. Mit jeder Empfehlung der gewissenhaften Heart Association haben wir ein neues AHA-Erlebnis.

Erste Hilfe ohne Ersthelfer

Für den Akutfall sollte man die Bevölkerung jedoch eingehend instruieren. Es nützt die beste notfallmedizinische Behandlung, vom Herzkatheter über die Kühlung der Patienten bis hin zur Beschimpfung der Angehörigen nichts, wenn die Rettungskette zu spät einsetzt. Es braucht engagierte Ersthelfer, die einen Menschen mit einem Infarkt beherzt herzen. Dass „Erste Hilfe“ jedoch oft nur darin besteht, „erst einmal um Hilfe“ zu rufen, ist bekannt. Tatsache ist, dass Menschen ihr Auto besser anstarten können, als ihren Partner.

Dabei lässt so ein Infarkt die voyeuristische Volksseele jubeln. An Umherstehenden mangelt es nicht. Wohl aber an tatkräftig anpackenden Personen. Die Furcht, etwas falsch zu machen, erstickt die Lebensrettung im Keim. Dabei machen wir tagtäglich tausende Dinge falsch: Wir machen keine Morgengymnastik, kau-fen ballaststoffarme Lebensmittel aus unfairem Handel und werfen ungeniert Buntglas in den falschen Container. Zudem steht der Mensch alleine schon in seiner Eigenschaft als Autofahrer mit einem, in seiner Funktion als sonntäglicher Zeitungsentwender sogar mit beiden Beinen im Gefängnis.

Couragierte Ärzte schaffen couragierte Patienten

Die Furcht, etwas zu verbocken und dafür auch belangt zu werden, ist anerzogen. Schließlich sind wir Ärzte dem braven Bürger dabei ein Vorbild: Das klassische Vierer-Setting in einer Arztpraxis – ein Arzt, ein Patient und zwei Rechtsanwälte – vor Augen wagt sich kaum ein Kollege an Dinge heran, die nicht zu hundert Prozent abgesichert sind. Bei jedem Hüsteln wird der Kernspintomograf aufgefahren, um nicht dem Kunstfehler des Übersehens zu erliegen. Das Antibiotikum kommt selbst beim kleinsten Wimmerl am Hintern zum Einsatz – sicherheitshalber. Und das Vier-Augen-Prinzip ist schon lange einem 44-Augen-Konsilium gewichen.

Und da erwarten wir von Menschen von der Straße, einem ungefallenen Zeitgenossen kräftig ein paar Rippen zu brechen oder unter Strom zu setzten? Immerhin besteht die Gefahr, dass der wieder zu Belebende Rechtsanwalt ist. Überlebt er nicht, so hat man Probleme, überlebt er, erst Recht. Da sollen sich lieber die Profis die Hände schmutzig machen, die sind versichert. Und nicht zufällig steckt im Wort „Notarzt“ der „Notar“ drin.

Es ist wie der Hund, der die Angst des Menschen spürt. Solange wir also selber schlotternd vor den Paragrafen stehen und um unser Leben diagnostizieren, um nicht verklagt zu werden, wird sich der gemeine Nichtmediziner erst recht nicht drüber trauen.

Also liebe Kollegen: In jeder Lebenslage formen couragierte Ärzte couragierte Patienten. Zwar hat dies zur Folge, dass die Chips, Cremeschnitten und Marlboros couragiert ungeniert grinsend sogar im Beisein des Arztes konsumiert werden, auf der anderen Seite wird dafür auch mal Hand an einen verunglückten Patienten angelegt werden. Spätestens da wird es das Herz danken.

Illustration: DI Niel Mazhar Foto: Privat

Dr. Ronny Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at

Von Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche

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