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Kolumne Nebenwirkungen 16. August 2011

Wenn die Ferienzeit dem Ende zugeht

Ist der Urlaub vorbei, so beginnen langsam wieder die Mühlen des medizinischen Patientenverarbeitungssystems zu mahlen.

Die ersten Patienten kommen wieder aus ihren Urlaubsdomizilen, die Medikamentenpackungen weitgehend leer gefuttert, sehnsüchtig nach zärtlicher Zuwendung der betreuenden Ärzte. All die urlaubsbedingten Leiden wie Seeigelstachel im Hintern, chronische Diarrhö durch Club-Essen und chronische Übelkeit durch Club-Animation haben sich verflüchtigt, nun treten erneut die guten alten bekannten Wehwehchen zu Tage: Da meldet sich die Arthrose wieder zum Dienst, die Gicht verlangt nach Aufmerksamkeit und auch das im Sommer so sträflich vernachlässigte schlechte Gewissen durch zügellosen Lebensstil ist wieder zur Stelle.

Nun ist es also für die meisten Patienten an der Zeit, wieder in die Ordinationen und Ambulanzen zu pilgern, Buße zu tun, die E-card-Ablasszahlungen zu leisten und sich zu vergewissern, dass die geliebten Medikamente in der Zwischenzeit nicht auf Generika umgestellt wurden.

Es ist die Zeit, in der wieder vom Ausnahme- in den Normalzustand gewechselt wird. Wo „business as usual“ bedeutet, die Patienten zwischen Aufnahmegesprächen und Aufnahmegeräten zu dirigieren, sie in Röhren zu schieben und deren Blut in Röhrchen zu füllen, den Blutzucker einzustellen und gleichzeitig aber auch deren Einstellung zum Zucker zu ändern.

Und langsam, aber sicher schleicht sich auch Gevatter Burnout wieder in die Praxen, nimmt hinter den Ärzten Platz und sitzt ihnen im Nacken. All die am Strand gefassten Vorsätze, kürzer treten zu wollen, versanden im medizinischen Alltag rascher als die kühnsten Neujahrsversprechen. Die im Sommer aufgeladenen Batterien sind mit dem dritten Patienten bereits wieder zur Hälfte entleert.

Kein Massensterben im Sommer

So sieht man sich also wieder nach dem Sommer: Etwas gebräuntere Patienten, nur vordergründig ausgeschlafenere Ärzte und die Erkenntnis, dass sich der vor dem Sommer beiseite gestellte Aktenstapel nicht von selbst abgearbeitet hat. Einzig die Erkenntnis, dass das Leben verblüffenderweise auch im Sommer weitergegangen ist und kein Massensterben zurückgelassener Patienten eingesetzt hat, könnte einem in der Vermutung bestärken, dass die sommerlichen Vorsätze mitunter doch nicht ganz so falsch waren.

Ärzte, die sich nicht nach den starren Urlaubsschemata der Schulen richten müssen, können ihre Ferien antizyklisch gestalten und im schönen September verreisen. Dann stehen die wiedergekehrten Schäfchen mit großen bekümmerten Augen vor der verschlossenen Ordination und verfluchen die Mediziner, die anscheinend das ganze Jahr über Ferien haben. – All jenen Kollegen wünsche ich nun einen wohlverdienten Urlaub.

 

Dr. Ronny Tekal-Teutscher , Ärzte Woche 29/33/2011

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