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Kolumne Nebenwirkungen 27. Juni 2011

Alles wird komplizierter

Früher war es einfacher, Medizin zu betreiben. Das stelle ich nun mal so in den Raum, denn das Wort des Arztes (und nicht nur sein Körper) hatte Gewicht.

Zwar gab man früher den Medizinern, in völligem Unverständnis der Gender-Thematik, die nette Zusatzbezeichnung „Onkel“ vor dem „Doktor“, doch die-se Pseudo-Familienmitglieder ließen nicht mit sich spaßen. Hinter dem liebevoll sonoren „wird schon wieder“, verschanzte sich die Drohung, bei Missachtung der ärztlichen Anweisungen mit drakonischen Strafen von grässlich schmeckender Medizin über Einläufe, bis hin zur Exkommunikation rechnen zu müssen.

Heute drohen die Mediziner zwar nach wie vor mit verkürzten Lebenszeiten, schmerzhaftem Siechtum oder mangelnder Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den gesunden, sportlichen und gut aussehenden Investmentbankern. Doch auch die Patienten drohen nun ihren Ärzten mit verkürzten Honorarzahlungen, schmerzhaften Anwälten oder mangelnder Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den gesunden, sportlichen und gut aussehenden Fachkollegen in einer anderen Praxis.

Man kann heute bei den vielen Erkenntnissen der modernen Medizin auch kaum überblicken, was nun wirklich gut ist für unsere Patienten. Selbst die hoch gepriesene „Evidence Based Medicine“ ist nur eine Modeerscheinung. Vor vielen Jahrzehnten noch galt etwa der Aderlass als „State of the Art“ bei sämtlichen Krankheiten. Diesen Platz nahmen später die Antibiotika ein, die zu den beliebtesten Happy-Pills einer ganzen Generation von Allgemeinmedizinern zählten. Und heute haben die Biologika Einzug in die ärztliche Kunst gehalten. Sie kosten zwar das Jahresgehalt eines Jungarztes pro Behandlung, gelten aber als total hip! Und helfen wieder einmal gegen alle Leiden, die es auf der Welt so gibt.

Doch die Zeit der Einfachheit ist vorüber. Unsere Patienten sind heute weder mit Aderlässen noch mit Antibiotika zu begeistern und spätestens, wenn der Selbstbehalt bei der Biologikatherapie eines Heuschnupfens fällig wird, haben wir die letzten Patienten vergrämt.

Nicht mal die gute alte Milch mit Honig, die wir von unserer Omi bei jedweder Art von Erkältung bekamen, ist heute unumstritten. Denn Allergologen kritisieren die bösen Eiweiße der Kuh, traditionell chinesische Mediziner die abkühlende Wirkung auch heißer Milch und Stoffwechselexperten verteufeln den Honig. Die ganze Thematik wird nun partnerschaftlich mit dem Patienten, dessen Anwalt, der Krankenkasse und dem Finanzberater besprochen.

So sehnen sich viele nach der unumstrittenen Allmacht des Onkel Doktors, der mit den Worten „wird schon wieder“ und einem gründlichen Einlauf alles zum Guten wendet. Wenn’s so einfach wäre …

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