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Kolumne Nebenwirkungen 15. Juni 2011

Medizinischer Fußabdruck

Nicht nur im Hinblick auf die Ökologie gibt es Fußabdrücke. Manche Menschen leben auch als Patient auf großem Fuß.

Viel wird dieser Zeit von den Spuren, die jeder Erdenbürger im Laufe seines Lebens auf dieser Welt hinterlässt, gesprochen. Diese müssen nicht unbedingt offensichtlich sein, wenn etwa nach einem Picknick im Freien eine kleine Sondermülldeponie auf der Waldlichtung zurückbleibt. Es geht darum, wie viel man Mutter Erde abverlangt, kurz: den „ökologischen Fußabdruck“.

Jeder Mensch hat einen solchen Abdruck. Sonst könnten wir ja nicht auf dieser Welt gehen, sondern müssten fliegen (und das Fliegen macht paradoxerweise einen noch größe-ren Fußabdruck als das Gehen). Doch die, die auf großem Fuß leben, mit großen beheizten Privatpools protzen oder die steilen Berge der Nobelbezirke mit geländegängigen SUVs (Sport Utility Vehicle) erklimmen, haben einen besonders großen Abdruck. Auch ein Besuch in einem Fast-Food-Restaurant lässt mehr Verpackung zurück als das Hochzeitsfest einer moldawischen Großsippe.

Ein kleiner Abdruck ist das Ziel

Ziel soll es sein, seinen Abdruck klein zu halten. Wem das zu müh-sam ist, der kann sich mit mehr oder minder freiwilligen Ablasszahlungen wie Ökosteuern die Absolution erkaufen. Doch wie wir wissen, hat ein Mensch auch ein Leben als Patient. Und damit auch einen „medizinischen Fußabdruck“. Schließlich verbrauchen wir im hohen Lebensalter, in den letzten Wochen unseres Lebens, mitunter weitaus mehr an Schwestern, Ärzten, Medikamenten und Infusionsschläuchen als in der gesamten Lebenszeit davor. Manche Menschen gehen prinzipiell nicht zum Arzt und sind erstaunlicherweise trotzdem gesund. Deren Abdruck ist kaum vorhanden: Der Traumpatient der Kassen, der Antichrist der pharmazeutischen Industrie.

Und dann gibt es Personen, die Ärzte und Tabletten konsumieren, als gäbe es kein Morgen. Mitnichten sind dies nur die chronisch Kranken. Die Lust, Medizin in all ihren Facetten zu konsumieren, bei jedem Unwohlsein auf die gesamte Palette der ärztlichen Heilkunst zurückzugrei-fen und sich durch die kulinarische Welt der heimischen Spitzenmedi-zin zu kosten, ist mit einem CO2-geschwängerten „Fettes-Auto-Fette-Burger“-Leben vergleichbar.

Zugegeben: Die Konsultation eines Arztes alleine verursacht noch keine Erderwärmung. Aber im Bemühen, den Patienten die Wünsche von den flehenden Augen abzule-sen, wird dann schon recht rasch einmal die eine oder andere MRT bemüht, statt dem bloßen Abhören eine kleine Thallium-Szintigrafie durchgeführt und die Diagnose mit einem Feuerwerk von Sonografien abgerundet – bis Patienten, Ärzte und Industrie strahlen und die Krankenkasse mit offenem Mund vor dem Abdruck eines Yetis steht.

Von Dr. Ronny Tekal-Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at, Ärzte Woche 24 /2011

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