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Von Dr. Ronny Teutscher, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at
 
Kolumne Nebenwirkungen 12. März 2009

NebenWirkungen – Turnus-Lehre

Topp-Ausbildung im Dekursieren.

Allen Unkenrufen zum Trotz: Ich bin begeistert von der hiesigen Ausbildung zum Allgemeinmediziner, kurz Turnus. Denn vor kurzem fiel mir wieder das Rasterzeugnis meiner eigenen Ausbildung in die Hände und staunend las ich, was ich alles kann.

Da steht offiziell abgestempelt zu lesen, welche Fähigkeiten ich im Zuge der Turnustätigkeit erworben habe: Von „Kleine Eingriffe am offenen Herzen selbständig durchgeführt“ über „Transplantation der Nebenniere mit und ohne Anleitung“, dem „Erlernen einfacher Knüpftechniken für Hirnarterien“ bis hin zu „Plastische Rekonstruktion eines kompletten Gesichtes“. Allerdings kann ich mich, in einem Anflug praktischer retrograder Amnesie, an die exakte Durchführung der verschiedenen Techniken nicht genau erinnern. Vielmehr keimt ein ganz leiser Verdacht auf, dass Papier geduldiger ist als ich.

Tatsächlich dürfte die Lust am Ausbilden in den meisten Krankenanstalten nicht allzu groß sein. Nett gemeinte Reformen helfen da nur wenig. Auch die beste „Ausbildung neu“ oder die danach folgende „Ausbildung neu – überarbeitet“ wird dadurch limitiert, dass dieselben lustlosen Personen ausbilden, die bereits in „Ausbildung alt“ zuständig waren.

Und wenn einem jungen Kollegen im Rahmen der Arztprüfung bei der Frage: „Was machen Sie, wenn ein Patient mit tachykardem Vorhofflimmern in Ihre Praxis kommt?“ nur die drei Antworten: 1. Blutdruckmessen, 2. Diensthabenden Facharzt rufen und 3. Dekursieren parat hat, wissen wir, was tatsächlich in den Rasterzeugnissen stehen müsste. Vor lauter Blutabnehmen oder dem Sticken von Krankenhausemblemen in Patienten-Nachthemdchen kommen die Jungen nämlich an die relevanten Infos kaum ran.

Interessanter Weise werden die Kompetenzen beim Ertönen der Mittagssirenen schlagartig an den Nachwuchs übergeben. Plötzlich wird dem Turnusarzt ab dem zweiten Ausbildungstag der Schlüssel für die Abteilung anvertraut, ein Zettel mit der Telefonnummer für Notfälle, aber bitte wirklich nur für Notfälle und dann bitte auch nicht zwischen 23 und 5 Uhr, dazugelegt. Nur: Was ist ein Notfall, wenn man noch nie einen solchen gesehen hat. Weil man bislang den beeindruckenden lebensrettenden Sofortmaßnahmen lediglich als Bettenschieber, Kabelträger oder Stenograf beiwohnen konnte. Wahrscheinlich ist ein Notfall, wenn einem einmal der Kugelschreiber ausgeht.

Ich hoffe, ein Pilot darf in seiner Ausbildung mehr, als nur die köstlichen Bonmots des Kapitäns in das Logbuch schreiben und manchmal auf den Knopf drücken, der die Türen entriegelt. Aber für einen Praktiker muss das ja reichen …

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Von Dr. Ronny Teutscher, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at

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