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Kolumne Nebenwirkungen 25. Mai 2011

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst

Mehr Transparenz bei der Vergabe von Operationsterminen soll helfen, die letzte Ungerechtigkeit der Chirurgie zu beseitigen.

Das mediale Modewort der vergangenen Monate ist Transparenz. War man in den 70er-Jahren noch empört darüber, wenn in einer Fernsehshow um Mitternacht eine Dame mit transparenter Bluse vor die Kameras trat, so gehört die Transparenz heute zum guten Ton und die transparente Dame mittlerweile ins Nachmittagsprogramm.

Heute ist alles transparent. Sogar jene Dinge, die ganz und gar nicht transparent sind: Die Besetzung öffentlicher Stellen, die Vergabe von Preisen oder die Inhaltsstoffe von natürlichem Joghurt, wo nichts drinnen ist, außer Joghurt und die transparent angegebenen Zusatzstoffe mit den exotischen Bezeichnungen.

Nachvollziehbar ist mittlerweile auch die Vergabe von Kassenplanstellen. Konnte man früher noch mutmaßen, warum der Schwiegersohn des Gemeindearztes von Obersaubrunn später selbst auch Gemeindearzt von Obersaubrunn wurde, so muss er heute viele Punkte erwerben. Das ist fair. Allerdings kann es da auch vorkommen, dass in Obersaubrunn nun ein engagierter Notfallmediziner mit unendlich vielen Punkten und noch größerer Frustration auf einem Praxisstuhl sitzt, der für den Hintern des Schwiegersohnes wie geschaffen wäre.

Jüngst verlangt man auch mehr Transparenz bei der Vergabe von Operationsterminen. Schließlich hegt man seit längerem den (wohl berechtigten) Verdacht, dass Patienten mit etwas größerer Brieftasche und vor allem auch der Bereitschaft, diese im Krankenhaus zu öffnen, etwas früher in den Operationssaal geschoben werden. Dies kann einerseits ein Vorteil sein, wenn man sein Hüftgelenk ein paar Monate früher bekommt; andererseits kann auch die, unter dem Namen „Rich-Patient-Syndrom“ bezeichnete großzügige Indikationsstellung, zum großzügigen Ausweiden betuchter Menschen führen.

Nun soll also alles genauestens aufgelistet werden, um keine Zwei-Klassen-Medizin aufkommen zu lassen. Löblich. Doch wo beginnen wir mit der Auflistung? Wie transparent muss das Aufrufen im Wartezimmer erfolgen? Zwar finden sich in gut sortierten Ordinationen Informationszettel an der Praxistüre, auf de-nen die Reihenfolge „streng nach Eintreffen der Patienten“ eingehalten wird, jedoch auch „nach Maßgabe medizinischer Notwendigkeit“ sowie der sich „aus der dritten Wurzel des Dividenden aus Verwandtschaftsgrad und Schwierigkeit der Persönlichkeitsstruktur“ ergebenden Kennzahl. Denn nur, weil etwas transparent, also durchsichtig ist, bedeutet das noch lange nicht, dass man es durchschaut.

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