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Kolumne Nebenwirkungen 10. Mai 2011

Kreative Ärzte

Da die viel zitierte „Ars Medica“ im Spitalsalltag zu kurz kommt, müssen sich Mediziner anderweitig künstlerische Ventile schaffen.

Ärzte sind ein kreatives Völkchen. Das merkt man unter anderem daran, dass sie eine starke künstlerische Ader haben, die sie auch verwirklicht haben wollen: Dichter, Schriftsteller, Musiker und natürlich auch Kabarettisten haben vorübergehend oder auch auf Dauer ihre weißen Mäntel in die Reinigung gegeben und widmen sich nun den Dingen, die sie schon immer tun wollten.

Doch auch jene Mediziner, die bei ihren Leisten geblieben sind – und damit sind nicht nur die Hernien-Chirurgen gemeint – haben einen starken Drang, ihre Kreati- vität von der Leine zu lassen. Das merkt man schon in der Aufberei-tung ihrer medizinischen Vorträge auf einschlägigen Kongressen, wenn eine liebevolle Power-Point-Präsentation beinahe über die Langeweile des akustisch dargebrachten Referates zur „Evaluierung des Effektes von vergorener Milch auf den Zitronensäurezyklus eines schwangeren Meerschweinchens“ hinwegtäuschen kann.

Bei der Gestaltung von Veranstaltungen fahren aber manche Kolle-gen oft ihr ganzes, während des Medizinstudiums unterdrücktes, künstlerisches Potenzial auf und verblüffen die Welt mit begehbaren Prostatas, einem thematischen Liederzyklus zu Streptokokken-Infektionen oder einer Dance-Performance, um die Wanderung segmentkerniger Leukozyten durch die Blutbahn zu demonstrieren.

Solcherlei Freiheiten muss man den kreativen Medizinern lassen, damit die Ars Medica keine ungewollten Auswüchse zeigt. In kleinen Dosen treten die künstlerischen Ambitionen immer wieder zu Tage: Häufig trifft man auf vor sich hin summende Zahnärzte, clowneske Pädiater oder plastische Chirurgen, die aus dem unförmigen Rohmaterial eines Durchschnittsösterreichers einen wunderschönen David herausmeißeln. In Fachgebieten, die weniger Kreativität zulassen, kann die unterdrückte künstlerische Leidenschaft jedoch zu Problemen führen, so sie vom Zaum gelassen wird. Dann toben sich Operateure an den willenlosen, weil narkotisierten Personen aus, indem sie die Wunde mit einer hübschen Zickzack-Naht versehen oder als Fleißaufgabe eine kleine Äsculapnatter auf die Bauchdecke sticken.

Schließlich muss die Kreativität raus aus den Menschen, um diese nicht in das viel zitierte Burn-out zu befördern. Deshalb sollten auf jedem Ärztekongress immer Töpferkurse und Aquarellmalerei für die Mediziner angeboten werden, für die es dann auch Fortbildungspunkte gibt.

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