zur Navigation zum Inhalt
 

Patienten, wollt ihr ewig leben?

Ostern ist vorbei und es drängt sich die Frage auf, wie es Ärzte mit dem Ableben halten. Denn selbst wenn 100-Jährige das Zeitliche segnen, ist das schlecht für deren Image.

Irgendwann muss Schluss sein. Diesen philosophischen Kernsatz wendet man vielleicht im Umgang mit korrupten Politikern oder bei den letzten Minuten des Director’s Cut von „Ben Hur“ an, die Medizin hält jedoch reichlich wenig davon. Frei nach der US-amerikanischen Lebensmaxime „too much is just enough“ wollen wir ein Volk von Jopie Heesters schaffen, das seinen Ärzten zu unendlichem Dank verpflichtet ist und voller Vitalität seine tägliche Dosis von Statinen schluckt.

Patienten, die im Terminalstadium ihres Seins nicht mehr weiter leben wollen, werden mit einer geballten Ladung Antidepressiva eines Besseren belehrt und auf den Pfad der Vernunft gebracht. Denn wozu die vielen teuren Apparate herumstehen haben, wenn sie nicht rund um die Uhr in Betrieb sein können?

Auch wenn man sich heute den ethischen Fragen am Lebensende in philosophisch-internistischen Diskussionen stellt: Wenn ein 95-jähriger Patient beschließt abzuleben, so trifft das die moderne Spitzenmedizin ins Mark. Selbst wenn die Ärzteschaft mal ein Einsehen hat, dass es keinen Zweck mehr hat, einen Methusalem ins Pflegeheim hinein zu reanimieren, so finden sich immer noch ein paar Angehörige, die den Medizinern mit Anwälten, Rufmord oder Liebesentzug drohen, so nicht diese neue Therapie aus den USA – aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten und den begrenzten Krankenkassen – eingeflogen und in Opis Infusionsflasche gefüllt wird. Und wenn Opi trotz Wundermittel nicht mehr von der Schippe hüpft, dann ist auf der Parte nachzulesen, dass er „viel zu früh“ und „völlig unerwartet“ von uns gegangen ist.

Ein langes, erfülltes Leben darf mit dem Sterben aufhören

Sterben gehört nun mal zum Leben, wie essen und trinken. Nur tut man das nicht ganz so oft. Und ein langes, erfülltes Leben darf ruhig einmal mit dem Sterben aufhören, mit einem zufriedenen „Danke, schön war’s“ des Ablebenden, statt einem resignierenden „wir konnten nichts mehr für ihn tun“ der behandelnden Ärzte.

Da man mit dem eigentlichen Sterben auf den High-Tech-Abteilungen nicht so viel zu tun haben möchte, wird die Versorgung der mutmaßlichen medizinischen Fehlschläge in die Hände der Krankenschwestern und der Pathologen gelegt. Aus den Augen, aus dem Sinn …

Wir beschäftigen uns in der Zwischenzeit damit, das Alterungs-Gen zu deaktivieren, damit Opi erst im 285. Lebensjahr „viel zu früh“ und „völlig unerwartet“ von uns geht.

  • Herr Dr.med Fritz Neufeld, 09.05.2011 um 08:19:

    „Mein Dank für diesen humorig verpackten Kommentar zu einem ganz wichtigen Problemkreis der heutigen Medizin.Das ärztlich berufliche Selbstverständnis muß so erweitert werden,dass es unter entsprechenden Umständen "ärztlicher" ist, das sich abzeichnende Lebensende zuzulassen,als es mit allen Registern der Technik(für die man bei vielen,vielen anderen Umständen sehr dankbar ist) zu verlängern.
    Auf der Reise nach Luggnagg lernt J.Swifts Gulliver die unsterblichen "Struldbrugs"kennen.Nach der Beschreibung dieser traurigen Gestalten beendet er den Bericht:"Der Leser wird mir sehr leicht glauben,dass mein Wunsch eines fortwährenden Lebens auf Erden sehr herabgestimmt wurde.(....)
    Kein Tyrann könnte einen so schmerzhaften Tod erfinden,dass ich denselben nicht mit Lust einem solchen Leben vorziehen möchte."“

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben