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Kolumne Nebenwirkungen 19. April 2011

Ausgebrannt

Jetzt haben wir es wieder mal Schwarz auf Weiß: Wir Ärzte haben die Diagnose „Burnout“ nicht nur erfunden, sondern leiden auch am liebsten darunter.

Waren die Ärzte früher härter im Nehmen? Waren Sie belastbarer? Oder waren die Huldigungen, die ihnen von den Patienten in den goldenen Zeiten ärztlichen Patriarchats entgegengebracht wurden, ein wirksamer Schutz gegen eine ausgebrannte Seele?

Heute leiden über 50 Prozent aller Mediziner an einem Burnout (die andere Hälfte leidet an golfbedingten Sportverletzungen). Es beschreibt also nicht nur eine Krankheit, sondern auch den Lebensstil einer ganzen Generation. Von den künftigen Historikern als „outburned generation“ bezeichnet, handelt es sich tatsächlich um eine Art Pandemie der industrialisierten Welt. Hier helfen weder Atemschutzmasken noch Tamiflu, ein paar Happy-Pills werden übers Internet als Therapie angeboten, aber das war’s dann auch schon. Vielleicht gibt es einmal einen gentechnologisch hergestellten monoklonalen Antikörper, der gezielt das Burnout-Gen downreguliert und alle Betroffenen mit einem Schlag heilt. Dann werden wir unseren Kindeskindern erzählen, wie das damals war, als man noch nicht so toll entspannen konnte, weil es noch keine Biologika gab.

Zugegeben hat der Zustand einen hohen sozialen Stellenwert. Denn wer ein Burnout hat, der hat nämlich vorher brav dafür geschuftet. Man geht auch als Arzt lieber mit einem Burnout, aufgrund unüberschaubarer Patientenzahl und stressigem Berufsleben hausieren, als mit einer Depression aufgrund von Langeweile und Isolation durch das Ausbleiben der Patienten.

Besonders von Burnout betroffen sind, laut der Studie, junge Frauen, die im Spital in Ausbildung sind. Was nicht bedeutet, dass man als älterer männlicher Praktiker nicht wunderbar ausgebrannt sein kann. Vielleicht legt man aber etwas mehr Gelassenheit an den Tag, denkt sich, die Patienten werden ohne Zutun auch gesund und die Kassen können einen ohnehin kreuzweise. Diese fast schon buddhistische Weisheit zu erlangen, dass „alles im Fluss ist“ (man könnte auch sagen „alles den Bach runtergeht“) und die Dinge einfach so sind, wie sie sind, könnte man als Ziel betrachten.

Also liebe Patienten: Seid nett zu uns. Denn oft geht es euch besser, als euren Ärzten.

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