zur Navigation zum Inhalt
 
Kolumne Nebenwirkungen 6. April 2011

Besinnliche Fastenzeit

Ostern steht wieder einmal vor der Tür. Selbst gestandene Internisten, die stundenlang darüber lästern können, dass es Schlacken eigentlich gar nicht gibt, entschlacken plötzlich.

Die tief im kollektiven Bewusstsein verwurzelten Traditionen werden auch in den unspirituellen Krankenanstalten gelebt. Wir befinden uns mitten in der Fastenzeit und man merkt, wie die Spaßfraktion im Spital auf verlorenem Posten steht.

Tatsächlich ist man in Österreich gläubiger, als es die Zahl der Kirchenaustritte vermuten lässt. Menschen, denen man nicht einmal einen Funken von Spiritualität zugestehen würde, nützen die Zeit vor Ostern, um zu fasten, zu hungern, Verzicht zu üben und sich selbst (oder andere) zu geißeln. Die bekennendsten Atheisten verzichten von Aschermittwoch bis Karsamstag auf ihr viertes Bier zum Essen und begeben sich auf den Jakobsweg. Manche sogar zu Fuß.

Auch beim medizinischen Personal hält sich die katholische Tradition des Verzichts wacker. Kaum eine Abteilung, wo nicht ein (von der sonst so grantigen Stationsschwester für die ganze Belegschaft gefertigter) Heringsalat bereitsteht, den man unter ihrer strengen Aufsicht auch verzehren muss. Den Patientenkaffee reicht man in den kommenden 40 Tagen ungesüßt und ohne die letzte verbliebene Bohne. Der Nachtisch wird in der Biokompost-Heizanlage des Spitals feierlich verbrannt. Auch im Nachtdienst muss man auf die orgiastische Pizzabestellung verzichten: „Danke, ich bin auf Diät“ oder „Ja, aber bitte nur mit Gemüse und ohne Salz“. Die Kollegen erweisen sich als diätbesessene Spaßbremsen. Nicht einmal die obligatorische Flasche Chianti vor der nächtlichen Herzoperation wird geöffnet. Da kann keine Stimmung aufkommen.

Doch spätestens mit der Hälfte der Fastenzeit ist mindestens auch die Hälfte der guten Vorsätze wieder gebrochen und man verlegt das Osterfest ein wenig nach vor. Da es die Naschereien, bunten Eier und Schokohäschen bereits zu Weihnachten zu kaufen gibt, stellt dies auch kein Problem dar. So finden sich auch in den Menüplänen der Patienten bereits in den letzten zwei Fastenwochen Osterschinken, Striezel oder kleine Chirurgen aus Marzipan. Die Spitalsküche ist kundenorientiert und weiß, was Patienten und Belegschaft wünschen.

Was lernen wir daraus? 40 Tage sind eine verdammt lange Zeit. Bedenken wir das also, wenn wir unseren Patienten das nächste Mal eine lebenslange Diät aufbrummen. Denn wer frei von Gusto ist, der werfe den ersten Kuchen.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben