zur Navigation zum Inhalt
Foto: Privat
Von Dr. Ronny Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at
 
Kolumne Nebenwirkungen 3. März 2009

NebenWirkungen – Hierarchie bei Anamnese

Die Anamnese und der Status – Als ungeliebte medizinische Tätigkeiten an die untere hierarchische Ärzte-Ebene delegiert fristen sie ein tristes Dasein zwischen Fantasie und Wirklichkeit.

Die Anamnese im Krankenhaus gehört nicht unbedingt zu den beliebtesten ärztlichen Tätigkeiten. Dennoch sollte auf das Anfertigen kleiner lustiger Kritzeleien am Rand des Befundblattes als sichtbares Zeichen des Desinteresses verzichtet werden. Zwischen Zeitmangel und Langeweile wird da oft lustlos in Leib und Lebensgeschichte der Patienten herumgestochert.

In der Routine liegt bekanntlich das Fehlerpotenzial. Denn schon bei der Erhebung des Gesundheitsstatus können sich peinliche Fehler einschleichen: Wird bei einem Menschen mit künstlichem Bein im Statusbogen „Fußpulse beidseits palpabel“ vermerkt, muss es sich schon um eine meisterlich ausgearbeitete Beinprothese handeln. Allzu sorgloser Umgang liegt auch bei Attestierung eines prämenstruellen Syndroms der 95-jährigen Patientin vor.

All das passiert, weil Anamnese und Status in den Krankenanstalten nicht allzu viele Freunde haben und daher die jüngeren Kollegen, die sich noch nicht wehren können, damit betraut sind. Gerne wird demnach eine große Klammer über den gesamten Befunderhebungsbogen gezeichnet, die mit einem lockeren „o.B.“ den Zustand des Patienten simpel umfasst. Auch der beliebte Begriff „altersentsprechend“ zeigt, dass nicht allzu viel Herzblut in die Erstellung der Krankengeschichte gelegt wurde. Zudem kann diese Bezeichnung bei Patienten problematisch werden, die Udo Jürgens heißen. Ein wenig mehr Mühe sollte man sich schon geben, denn schließlich gibt es für jede gefundene Diagnose auch ein paar LKF-Punkte zu holen. Auf der anderen Seite ist jedoch darauf zu achten, nicht aus Langeweile Krankheiten herbeizudeuten, wo keine sind.

Dass die Diagnose „Adipositas“ recht rasch am Papier (und damit auch in der Leistungsabrechnung) steht, ist üblich. Doch eine „larvierte Depression“ anhand des Gesichtsausdrucks des Patienten nach der vierten misslungenen Blutabnahme zu diagnostizieren, geht doch etwas zu weit. Ähnliches gilt wenn, im Bemühen irgendein handfestes Symptom zu bekommen, das gestreckte Bein des Patienten bis an dessen Nasenspitze gedrückt wird (Lasègue-Test positiv bei 170 Grad) und dieser tatsächlich ein kleines Ziehen verspürt. Eine provozierte Belastungsdyspnoe durch das Tragen lassen der eigenen Krankenakte in den vierten Stock kann ebenso als unlauteres Mittel bezeichnet werden.

Man soll, so heißt es, mit wachem Geiste die Informationen der Patienten sammeln, bewerten und dabei vor Empathie sprühen. Ist doch nicht zuviel verlangt nach 32 Stunden Dienst.

Foto: Privat

Von Dr. Ronny Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben