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Kolumne Nebenwirkungen 16. März 2011

Autogrammkarten für Mediziner

Ärzte sind für viele ihrer Patienten so etwas wie Popstars. Und sollten sich demzufolge auch so benehmen.

Wer kennt sie nicht. Die vielsagenden Blicke, die eindeutigen Gesten, die die Patienten in unserer Gegenwart entwickeln, so sie uns außerhalb des natürlichen Umfeldes von Ordination oder Krankenhaus begegnen. Man will zeigen: „Ja, ich kenne diesen Arzt. Persönlich.“ Und noch viel wichtiger: „Er kennt auch mich.“ So etwas steigert – vor allem, wenn es sich um einen Primar oder zumindest einen ersten Oberarzt handelt – das Ansehen im Bekanntenkreis ungemein.

Uns unterscheidet tatsächlich gar nicht allzu viel von einem prominenten Popstar. Zumindest im lokalen Miniuniversum der Patientenschaft sind wir mitunter so etwas wie der Mick Jagger des Wartezimmers.

Und dies ist keineswegs eine narzistische Verblendung. Wir werden auffälligst gegrüßt, laut mit unserem Titel angesprochen, man sucht unsere Nähe, um ein wenig ewiges Leben und Gesundheit oder zumindest eine verkürzte Wartezeit beim nächsten Arzttermin erhaschen zu können.

Wir sollten daher dieser Rolle gerecht werden, um in jeder Lebenslage für unsere Fans da sein zu können. Vergessen wir also nicht, stets Autogrammkarten bei uns zu haben, denn aufgrund der steigenden Zahl betagter und damit behandlungsbedüftiger Personen werden wir in Zukunft begehrter denn je.

So verfügen auch die Ärztekongresse am Eingang über einen „Red Carpet“-Bereich, in dem die Mediziner unter Blitzlichtgewitter zur Veranstaltung schreiten und unzählige, von hysterisch kreischenden Patienten entgegen gestreckte Rezepte unterzeichnen. Die Vortragenden fahren mit schneeweißen Stretchlimousinen vor und werden von sonnenbebrillten Bodyguards abgeschirmt.

Parfums werden nach uns benannt, Paparazzi schnüffeln in unserem Privatleben, die bekanntesten Ärzte grinsen im weißen Mantel vom Cover des Cosmopolitan, ohne weißen Mantel aus der Innenseite des Playboy.

Drogen- und Sexskandale müssen nicht mehr verstuscht werden, sondern gehören zum Bild des medienwirksamen Mediziners. Und ein Operateur, der in seinem Belegspital nicht zumindest einmal das Interieur zertrümmert und den OP verwüstet hat, verdient den Titel Starchirurg nicht.

Bis dieser Hype seinen Gipfel erreicht, dürfen die meisten Kollegen jedoch ihr Leben als unscheinbare gesellschaftliche Randerscheinungen genießen und sich mit mageren Honorarabrechnungen herumschlagen. Gänzlich ohne Glamour.

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