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Kolumne Nebenwirkungen 23. Februar 2011

Ärzteball mal anders

Ein eleganter Ball mag der Tradition gerecht werden, ein Zeltfest würde aber unseren Patienten mehr Bodenständigkeit vermitteln.

 

Vor kurzem kam es zu einer akuten Exazerbation eines im Jahresabstand chronisch rezidivierenden Ereignisses: dem Ärzteball. Ein traditionsreiches Fest, auf dem sich all jene Mediziner, die etwas auf sich halten, mit Anhang und Nachkommen tummeln und ausgelassen in strenger Abendetikette die Sau rauslassen. Wunderbar zum Ansehen (obwohl ich natürlich wieder einige Verbesserungsvorschläge hätte wie etwa Champagner aus der Piccolo-Infusionsflasche oder eine mitternächtliche Patienten-Quadrille, bei der zu den Takten der Fledermaus Krankenbetten zwischen die Reihen der Tanzenden geschoben werden). Der Ärzteball hat zu Recht Tradition. Ein rauschendes Fest, nicht ohne ein paar rauschige Ärzte.

Bei vielen Patienten lässt die Location dieses Weißkittel-Clubbings, die Wiener Hofburg, einen ehrfürchtigen Schauer über die Lordose-geplagten Rücken laufen. Andere wiederum mögen darin eine Provokation sehen. Vor allem, wenn der Hausarzt, der sich stets über die existenzgefährdende Honorierung der Leistungen bei seinen Patienten ausweint, seine finanziellen Sorgen im Champagner ersäuft.

Natürlich darf ein jeder feiern, wie es ihm passt. Auf der anderen Seite fordert man in der modernen Ordination ein partnerschaftliches Verhältnis ein. Der Arzt auf Augenhöhe. Wie sollen wir das auf diese Art vermitteln? Würden es die Patienten nicht eher goutieren, wenn die Mediziner statt dem elitären Ärzteball in der Hofburg ein Zeltfest veranstalten würden? Statt „Ärzteball“ eher ein „Ball der Freunde der Ärzte“ oder gar eine „Patienten-Redoute“ – auf Du und Du? Gemeinsam mit dem Doktor bei „Oida Taunz“ und „Zipfl eine, Zipfl auße“ den Fasching zelebrieren?

Auch wenn dies auf den ersten Blick verstörend wirkt: So etwas hätte Vorteile. Immerhin ist man hier am Ort des Geschehens. An jenem Ort, an dem der Grundstein für viele Leiden gelegt wird. Hier lässt sich Prävention in reinster Form betreiben: Denn welcher Patient traut sich, beim Grillhendl-Stand ein zweites Mal zuzulangen, wenn der betreuende Internist diesen Akt körperlicher Feindseligkeit argwöhnisch beäugt? Außerdem kann etwa die Belastbarkeit einer Gelenksprothese beim Hüftschwung der frisch Operierten in vivo beurteilt werden.

Und spätestens wenn der Kapellmeister zur „Patientenwahl“ aufruft, bei der nun die Ärzte zum Tanz aufgefordert werden dürfen, bebt das Zelt. Wer das nüchtern erträgt, dem ist nicht zu helfen.

Von Dr. Ronny Tekal-Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at, Ärzte Woche 8 /2011

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