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Kolumne Nebenwirkungen 2. Februar 2011

Die Begegnung der dritten Art

Außerhalb der gewohnten Umgebung führt ein Aufeinandertreffen von Arzt und Patient oft zu peinlichen Momenten.

An dieser Stelle wurde bereits erwähnt, dass die Patienten gar nicht so genau wissen wollen, was der Arzt unter seinem Kittel trägt, nicht wahrhaben möchten, dass er auch nur ein Mensch aus Fleisch und Blut ist.

Umgekehrt weiß der Arzt zwar, dass seine Patienten aus Fleisch und Blut sind, er weiß sogar, aus welchen Bestandteilen sich dieses Blut zusammensetzt und wo hier Verbesserungsmöglichkeiten gegeben wären, doch auch er möchte sich ein gewisses Idealbild des Patienten erhalten: Patienten sind nun mal diejenigen Personen, die auf der anderen Seite der Spritze stehen, auf das Zustechen warten, mit großen Augen und Ohren den diagnostischen Gedankengängen des Mediziners folgen und auf die Aufforderung „der Nächste, bitte“ erleichtert aufspringen.

Abseits des natürlichen Umfeldes von Arzt und Patient wirkt jede Begegnung daher immer ein wenig verunsichernd. Dies kann mitunter zu peinlichen Situationen führen: Wenn etwa beim zufälligen Aufeinandertreffen der beiden Spezies im Supermarkt das Einkaufswagerl des Patienten mit Schokolade, Knabbergebäck und alkoholischen Getränken vollgeräumt ist. Ein glatter Vertragsbruch wird hier evident. Und wie peinlich ist die Situation erst, wenn der ärztliche Einkauf wirklich genau so aussieht?

Vielleicht ist dies auch der Grund, warum die meisten Menschen ihren persönlichen Pfarrer nicht allzu gerne beim Nachtklubbesuch dabeihaben wollen (und auch der Pfarrer legt bei seinem Besuch ebendort keinen großen Wert auf die Begegnung mit einem seiner Schäfchen).

Man will als Arzt auch nicht auf einen Patienten treffen, der in der Ordination durch seine Narkolepsie-Neigung und einem kleinen Suchtproblem auffällig wurde und sich nun beim Urlaubsflug über Lautsprecher als „ihr persönlicher Pilot“ vorstellt. Auch ein Patient als Finanzberater in seiner manischen Phase oder der Sushi-Koch mit dem ansteckenden Hautausschlag an den Händen sorgt beim Arzt für etwas Verunsicherung, wenn er deren Dienste in Anspruch nimmt. Genauso wenig goutiert es ein Patient, wenn er seinen Arzt am Vorabend einer heiklen Augenoperation beim ungeschickten Einparken oder beim lustigen Trinkspiel im Wirtshaus beobachtet.

Bewahren wir uns also die Illusion, um nicht von der harten Keule der Realität erschlagen zu werden.

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