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Kolumne Nebenwirkungen 25. Jänner 2011

Edel sei der Arzt, hilfreich und gut.

Den Menschen hinter der ärztlichen Verkleidung möchte man als Patient gar nicht so gerne kennenlernen. Denn das Idealbild des allmächtigen Heilers soll erhalten bleiben.

Das Bild, das die Patienten von ihren betreuenden Ärzten haben, ist irgendwie ein wenig verzerrt. Projizieren viele Menschen doch die geliebten Soap-Opera-Archetypen der einschlägigen Medizin-TV-Serien auf die weißen Flächen der Ärztekittel.

Dies ist verständlich. Denn wenn man als Patient sein Schicksal in die Hände eines Arztes legt, so möchte man auch, dass das Schicksal darin gut aufgehoben ist. So dürfen diese Hände weder eine nervöse Schweißsekretion aufweisen noch einen senilen Tremor.

Wir wollen nicht irgendeinen Arzt. Wir wollen, dass unser Arzt der Beste ist. Ein Mensch in grandioser körperlicher und geistiger Verfassung. Dazu gehören weder Krampfadern durch das stundenlange Stehen im OP, Rückenprobleme durch das gebückte Sitzen in der Ordination oder das amikale Gespräch mit der Krankenkasse noch Suchtprobleme, durch das Unvermögen des Mediziners, den Spagat zwischen Vergötterung und Burn-out zu schaffen.

Der Arzt des Vertrauens soll, nein muss unter allen Umständen makellos sein: ehrwürdig, irgendwie erhaben und vertrauenswürdig. Ja, und reich sollte er auch sein. Ein armer Arzt vermittelt schließlich auch eine gewisse Erfolglosigkeit. Und das ist das Letzte, das man sich von einer Behandlung verspricht.

So wollen es die Patienten gar nicht so genau wissen, was der Arzt unter seinem Kittel alles treibt. Ob der Cognac in der Schublade für den Erholungsschluck zwischen den Patienten bereitliegt, die Ärztemuster auch mal selbst zum besseren Einschlafen verwendet werden oder das Arzt-im-Dienst-Schildchen für das Halteverbot vor dem Theater herhalten muss.

Keine grauen Flecken am Ärztemantel sollen das Verhältnis trüben. Nicht umsonst ist es eben genau diese Art von Dienstkleidung, die die weiße Weste imitiert. Deshalb laufen die Mediziner auch nicht in lederner Motorradkluft, Zuhälter-Pelzmänteln oder im Stil eines goldkettenbehängten kolumbianischen Drogenbosses durch die Krankenhausgänge.

Die weißen Mäntel haben zweifelsfrei auch eine spirituelle Wirkung. Wie das Gewand kirchlicher Würdenträger verwandelt die ärztliche Kluft ein menschliches Alltags-Würstchen in eine medizinische Lichtgestalt. Alleine durch die Anwesenheit eines solchen Wesens geht es den meisten Patienten schon besser. That’s Showbiz!

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