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Kolumne Nebenwirkungen 11. Jänner 2011

Bewusstseinsbildung

Die Kennzeichnung von gängigen Produkten hinsichtlich ihrer medizinischen Wirkungen kann das Gesundheitsbewusstsein der Bevölkerung steigern.

Spektakulär sind die Versuche der medizinischen Fachgesellschaften, die Patienten dazu zu bewegen, bewusster zu leben. Der Ideenreichtum kennt da kaum Grenzen: Vom phallischen Urolisken bis hin zur begehbaren Prostata – das hat gewagten Stil. Auch der Hinweis, mindestens fünfmal täglich mindestens fünf unterschiedlich färbig gespritztes Obst aus fünf unterschiedlichen Kontinenten zu verspeisen, ist eine einprägsame Botschaft. Und doch sind dies nur kleine Inselchen der Vernunft.

Ein groß angelegter Masterplan könnte unser Land in eine „Disney-World der Awareness“ verwandeln. So wie man heute nicht mehr ein Warmbad, sondern eine Erlebnistherme aufsucht, nicht mehr im Winter die verschneite Forststraße hinunter rodelt, sondern die Power-Downhill-Märchenstrecke benutzt, lassen sich auch Botschaften zur Gesundheit wunderbar über Zusatzinformationen und etwas melodischere Namen vermitteln.

Man borgt sich heute kein Ruderboot auf dem Schlossteich aus, sondern benutzt den „Cardio-Training-Waterslider“ für das romantische Picknick am See. Elektroboote stehen als „Anti-Cardio-Training-Ships for Losers“ in Misskredit.

Tanzkurse tragen die Zusatzbezeichnung VTT (Vascular Tango Training) oder werden als Smooth Tissue Endothel Protect Dancing (STEPP-Tanzen) angeboten. Schuhgeschäfte verkaufen keine langweiligen Fußbekleidungen mehr, sondern ergonomisch geformte Walking-Trainers mit Barefoot-Simulation-Technology (kleine eingearbeitete spitze Steinchen in der Sohle vermitteln das authentische Gefühl des bloßfüßigen Gehens). Selbst die Schnürbänder finden als „Stretching Tools“ für das Training der langen Rückenmuskulatur beim Schuhebinden Verwendung.

Hier ist Tiefstapelei nicht angebracht: Jedes Produkt ist der Gesundheit dienlich. Letztlich traut sich kein Joghurt-Hersteller, ein Produkt auf dem Markt zu bringen, das nicht den Hinweis auf die berauschende gesundheitsfördernde Wirkung trägt. So ist heute jedes Erdbeer-Joghurt zumindest ein Power-Calcium-Shot, der auch „garantiert neben einer Erdbeere gelagert wurde“. Der Orangensaft ist das Smoothie mit den wertvollen „Vitaminen aus dem Orient und dem Anti-Oxidant“.

Mit all diesen Zusatz-Features werden die Dinge natürlich teurer. Denn nur dort, wo „Health“ draufsteht, ist auch „Gesundheit“ drinnen.

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