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Illustration: DI Niel Mazhar
Als Zeus nach einer Heißhungerattacke die Erde verschluckt hatte, fiel ihm ein, dass er seine Insulinspritze auf dem Olymp vergessen hatte.
 
Kolumne Nebenwirkungen 5. Februar 2009

NebenWirkungen Spezial – mogelnde Patienten

Die Zuckerseite des Lebens

Ich gebe zu, dass ich die Diabetologen nicht beneide. Laufen sie doch mit ihren gefinkelten Therapievorschlägen verriegelte Türen ein. Denn wenn für die Patienten bei der HbA1c-Messung die Stunde der Wahrheit gekommen ist, gibt es für viele nur eines: lügen, lügen, lügen!

Nicht nur sexuell übertragbare Erkrankungen, auch der Diabetes mellitus lässt sich durchaus lustvoll erwerben. Und bei beiden Übertragswegen wird beim Arzt so viel gemogelt wie kaum woanders: Die außerehelich erworbene Cremeschnitte wird verschwiegen, die vorübergehende Liaison mit einem Punschkrapferl heftig dementiert. Schon als Allgemeinmediziner ist es nicht leicht, den aufgrund eines himmelschreiend hohen HbA1c ertappten Patienten vom Sinn der Mäßigung zu überzeugen.

Doch auch wenn die Laborwerte oft erdrückend sind: Die Zeiten sind vorbei, in denen man Menschen ohne Beweise in Anstalten wie Guantanamo oder ein Krankenhaus einweisen darf. Und so gilt auch für unsere Schäfchen die Unschuldsvermutung. Lügendetektoren sollen zwar von den internationalen Diabetesgesellschaften in die Leitlinien aufgenommen werden; doch da die Patienten diese Diagnostik als Sonderleistung aus eigener Tasche bezahlen müssten, dürfte sich der Erfolg dieser Maßnahme eher bescheiden ausnehmen.

Zucker ist unersetzlich

Tatsächlich ist dem durchschnittlichen Österreicher der Zusammenhang zwischen dem, was man zu sich nimmt, und dem, was man in sich trägt, nicht in voller Tragweite bewusst. Auch beim Hinweis auf „versteckte“ Zuckerquellen ernten Ärztinnen und Ärzte ein ungläubiges Kopfschütteln. Wo bitte soll der Zuckerguss auf der Extrawurstsemmel sein? Da gehen selbst dem sattelfesten Arzt die Argumente aus. Immerhin: Zucker kann durch nichts ersetzt werden. Und der Alterszucker vom Opi gehört eben genauso zum Altern wie sein Hörgerät oder die verklärten Erinnerungen an die schöne Zeit in Paris in den 40-er Jahren. Die Bevölkerung ist also in dieser Hinsicht alles andere als „aware“. So hat die viel gepriesene Diabetikerschulung nur einen begrenzten Effekt, wenn der aufgeklärte Patient im Anschluss an die weisen Worte des Arztes in die nahe gelegene Konditorei zum Chill-out pilgert.

Berufswunsch Diabetologe?

Kein Wunder, dass in den Berufswünschen angehender Jungmediziner die Diabetologie eher unter „ferner liefen“ rangiert. Zugegeben, die Begriffe Endokrinologie und Stoffwechsel haben nicht den größten Sex-Appeal für hoffnungsfrohe Studenten, die sich in den Emergency-OP sehnen. Das erste Wort klingt so, als ob man es kaum je verstehen möchte, und das zweite erinnert eher an den Leiberltausch nach dem Fußball.

Dabei hat der Diabetologe unter der Ärzteschaft ein solides Image. Äußerst integer und auf seinem Gebiet sattelfest, gilt er durchaus als das, was man sich unter einem klassischen Arzt vorstellen kann. Doch diesen Spezialisten tatsächlich auch zu kontaktieren, wird dadurch noch lange nicht als unbedingt notwendig erachtet: Den Blutzucker messen, das kann der Patient selbst, den Patienten einstellen kann der Hausarzt und für die Notfallamputation eines Beines findet sich sicher ein freundlicher Nachbar. Wozu also der Umweg über den Diabetologen?

Ein Beruf mit Zukunft – trotz des Schwarzen Peters

Andererseits werden Patienten nach dem erfolgreichen Schwarzen-Peter-Prinzip gerne an die Spezialambulanzen und Zuckerexperten verwiesen, um von der Ferne aus feixend das verzweifelte Scheitern dieser Profis am störrischen Compliance-Muffel zu beobachten.

Dass den lieben Diabetologen die Arbeit in den kommenden 150 Jahren nicht ausgehen wird, dafür sorgen die Menschen schon. Die Zahl der adipösen Kinder steigt, noch hat sich nicht überall herumgesprochen, dass der Schokopudding als Belohnung für den aufgegessenen Schweinsbraten nicht mehr ganz State of the Art ist.

Turnvater Jahn ist auch kein Garant für schwitzende Kinder

Dass Bewegung und gesunde Ernährung, kurz der „Leifsteil“, einen künftigen Diabetes frühzeitig abwürgen könnte, ist zwar bekannt, doch selbst die offiziellsten Stellen scheren sich darum einen Dreck. Nach wie vor gilt in der Schule mit all den kleinen adipösen Menschen das Recht der Stärkeren. Und sie sind nun mal die Mathematik-, Deutsch- oder Lateinlehrer. Die Turnstunde wird dagegen als zeitraubendes Übel im Lehrplan notgedrungen akzeptiert. Zu meiner Gymnasialzeit fiel die damals noch als „Leibesübungen“ bezeichnete Einheit zudem eher als Sitzstunde aus. Während unser militanter Turnvater Jahn mit schrillen Pfiffen die Zöglinge auf die Reckstange beorderte, saßen wir drei Viertel der Zeit da und warteten, bis auch wir unsere Körper an den schmerzhaften Kniekehlen von der Stange baumeln lassen konnten. Ich glaube, unsere Insulinresistenz hat sich über diese Art der Körperertüchtigung einen Ast gelacht.

Zum Glück hat sich eine fast unüberschaubare Menge an Selbsthilfegruppen im Umfeld des Diabetes etabliert, wohl am bekanntesten ist die „Bauchtanzpuppe aus der Zuckergruppe“. Hier und auch in den Wartezimmern werden die wesentlichsten Informationen über die Erkrankung direkt von Zuckergoscherl zu Zuckergoscherl weitergegeben.

Die Ärzte wiederum beschreiten mit Innovationen, wie telemedizinischen Übertragungen von Blutzuckerwerten und Insulindosen an die Ärzte, neue Wege. Überlegungen, bei denen bei Zuwiderhandeln des Patienten oder sinkender Compliance als negatives Feedback ein kleiner Stromschlag an die Sünder abgegeben wird, stoßen bei Patientenvereinen aber noch auf Ablehnung.

So bleibt nur zu hoffen, dass dem gemeinen Menschen seine Gesundheit einiges wert ist, auch wenn der Arzt nicht mit gezückter Radarpistole die rekordartigen Blutzuckerspitzen ahnden muss. Damit wir nicht allzu sehr auf die Zuckerseite unseres Lebens fallen.

Illustration: DI Niel Mazhar

Als Zeus nach einer Heißhungerattacke die Erde verschluckt hatte, fiel ihm ein, dass er seine Insulinspritze auf dem Olymp vergessen hatte.

Foto: Privat

Dr. Ronny Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at

Ronny Teutscher, Ärzte Woche

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