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Kolumne Nebenwirkungen 23. November 2010

Adventkalender für Ärzte

 

Liebe Mitmenschen der pharmazeutischen Industrie: Scheut Euch bitte nicht davor, uns zu Weihnachten mit kleinen oder größeren Aufmerksamkeiten zu bedenken. Der kleine Mediziner in uns weiß das zu schätzen.

Kinder sind davon begeistert. Geschäfte und Handel noch viel mehr. Und die katholische Kirche musste sich schon an so vieles gewöhnen, dass sie sich zumindest über den zeitlichen Zusammenhang mit dem sakralen Top-Event freut.

Die Adventkalender, so wie ich ihn noch aus meiner Kindheit kenne, waren eher schlicht gehalten: Bunte Bildchen in den Kästchen, meist mit einem Schlitten oder einem Weihnachtsengel, wobei die Motive aufgrund der mangelnden Kreativität der Gestalter in den 24 Tagen mitunter auch zwei- oder dreimal zu entdecken waren; oder auch die etwas beliebtere Kalenderversion mit Schokolade, in Wahrheit mäßig köstlich und in undefinierbare Formen gegossen.

Heute hat die Werbeindustrie den Advent fest im marktwirtschaftlichen Würgegriff. Man findet in den Kästchen zehnprozentige Ermäßigungsgutscheine auf nicht reduzierte Ware, 50-Euro-Handy-Wertkarten zum sensationellen X-Mas-Special-Price von 50,– Euro und eine Stunde gratis Parken beim Kauf von mindestens drei Flachbild-Fernsehapparaten.

Auch wir Ärzte lieben solche Kalender. Und es wäre nett, wenn uns eine pharmazeutische Firma – selbstverständlich unter feierlicher Einhaltung des Pharma-Codex-Hammurabi – einen solchen auf Mediziner zugeschnittenen Kalender schenken würde. Auf der Vorderseite themenspezifisch aufgedruckt eine verschneite Winterlandschaft mit ein paar eingegipsten Skifahrern und einer kleinen Schweine-Krippe. Es muss sich ja nichts Kostspieliges in den Kästchen befinden: ein Kugelschreiber, eine praktische Mehrwegspritze, eine Schneekugel mit „Grüße aus dem OP“ oder kleine Aufmerksamkeiten wie ein Zettelchen von der Krankenkasse mit der Aufschrift „Gutschein für Einmal-teurer-Verordnen-dürfen“. So macht beschenkt werden Freude und wir wissen: Nach Weihnachten ist alles wieder vergessen (auch bekannt als Weihnachtsamnesie).

Natürlich fällt das Warten auf das Christkind nicht allen Kollegen gleichermaßen leicht. Internisten werden akribisch ein Kästchen nach dem anderen öffnen, wohingegen die chirurgische Zunft nicht davor zurückscheut, schon am ersten Dezember das letzte Kästchen zu öffnen (und all die dazwischen auch), um nachher zu rufen „Schwester, zumachen!“ Radiologen wissen ohnehin zuvor, was drin ist (vor allem dank dem spezifischen Advent-24er-Teiler). Und die Gynäkologen versuchen bereits am 20. Tag das Weihnachtsfest einzuleiten. Im Endeffekt bleibt die Wartezeit gleich. Sie lässt sich nur unterschiedlich interessant gestalten.

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