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Kolumne Nebenwirkungen 16. November 2010

Obermedizinalrat Prof. Dr. med. univ. Google – Internet Teil 2

Jede Diagnose wird nach dem Arztbesuch einer Zweitmeinung von Dr. Google unterzogen. Denn das Internet scheint allwissend ...

Lexika haben heute ausgedient: Jene vierzigbändigen Werke, aus denen man früher das gesamte Wissen der Welt holen konnte, machen nun dem elektronischen Medium Internet Platz. Und wie zum Hohn werden diese Lexika nun billig auf e-bay verhökert. Und wenn die Studenten den guten, alten Pschyrembel gegen Wikipedia tauschen, so merkt man, dass auch in der Medizin eine neue Ära angebrochen ist – für Ärzte und auch Patienten.

Denn das Internet hat die Demokratisierung von medizinischem Geheimwissen ermöglicht. War man früher als Patient einer an den Kopf geworfenen Diagnose hilflos ausgeliefert, so kann man heute sein „hirnorganisches Psychosyndrom bei Ethanol-Abusus“ googeln und selbst feststellen, vom Arzt soeben als Saufkopf klassifiziert worden zu sein.

Ein Nachteil für die gute Arzt-Patienten-Beziehung ist, dass auch die in der Ordination gegebenen Ratschläge auf Herz und Nieren geprüft werden. Denn konnten sich die Patienten früher damit beruhigen, dass der Arzt ihres Vertrauens diesen seltsamen Auswurf beim Husten als „unbedenklich“ kommentiert hat, so reicht die Prognose in den Weiten des World-Wide-Web von „harmlos“ bis „hoffnungslos“. Und die im WWW müssen’s ja wissen.

Kein Arzt kann heute alles wissen. Er muss nur so tun, als ob.

Wechseln wir wieder die Seite und betrachten wir die Vorteile solcher technischer Neuerungen für die Ärzte. Denn heute kann kein Arzt alles wissen. Er muss nur so tun, als ob. Und kommt ein Patient mit dem Anliegen, seine jüngst vom Dermatologen diagnostizierte „Dermatitis bullosa pratensis“ würde wieder jucken, so kann der Hausarzt die Krankheit rasch mal in die Suchmaschine eintippen. Ist zwar nicht ganz die feine Art, aber immer noch besser, als sich in gänzlicher Unkenntnis der Materie zu Aussagen, wie „na, das wird schon wieder“ oder „ja, das geht gerade um“ hinreißen zu lassen. So kann man sich die Sprechstunde des mittleren 21. Jahrhunderts bildlich vorstellen, wenn jede Aussage des Gesprächspartners sofort im mobilen Internet auf ihre Richtigkeit evaluiert wird.

Die Qualität der Information im Netz ist jedoch höchst durchwachsen. Je nachdem, ob man auf der Harvard-Website oder im internationalen Hypochonder-Forum fündig wird. Doktor Google weiß im Gegensatz zu einem einzelnen Mediziner fast alles – und ist vielleicht gerade deshalb so ein schlechter Doktor.

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