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Kolumne Nebenwirkungen 9. November 2010

Googeln wir die Anamnese! (Internet Teil 1)

Das Internet hat auch Einzug in die Arzt-Patienten-Beziehung genommen. Patienten googeln in der Regel ihre Ärzte schon vor dem ersten Besuch. Nun drehen wir den Spieß um!

Ein Patient, der das erste Mal auf einen Arzt trifft, kennt ihn in der Regel schon. Nicht durch die Schilderungen der Nachbarn. Heute werden die Ärzte gegoogelt, wie es so schön heißt.

Die Internet-Suchmaschine findet nach der Eingabe von Vor- und Nachnamen all das, was die elektronische Welt zu diesem Erdenbürger zu sagen hat: Ordinationsadresse, Öffnungszeiten, einen dazu passenden Stadtplan und das Angebot, seinen Penis verlängern zu lassen (diese Information ist unabhängig vom Suchbegriff). In einschlägigen Betroffenen-Foren finden sich Berichte geheilter oder verpfuschter Patienten.

Im besten Fall findet der zukünftige Patient seinen Doktor als in der medizinischen Welt höchst anerkannten Experten, Links zu Gremien und zur WHO, deren Vorsitzender der gesuchte Arzt ist. Im schlechtesten Fall findet der Patient nichts oder ein paar dubiose Bilder auf Facebook und eine Nennung auf der umstrittenen Seite „Initiative Ärzte gegen lästige Patienten“.

Der ersten Begegnung in der Realität geht daher bereits eine Begegnung im Cyber-Raum voraus. Die vielsagenden Blicke der Patienten, die den nun in Fleisch und Blut vor ihnen stehendem Arzt gegenüberstehen, zeugen von einem hintergründigen Wissen.

Wollen wir uns diesen Startvorteil nehmen lassen? Schlagen wir doch zurück. Googeln wir unsere Patienten! Denn was kann man da erfahren! Ich würde sogar empfehlen, die Anamnesebögen um den Punkt „Internetrecherche“ zu erweitern. Denn ein Ausschlag im Intimbereich lässt sich unterschiedlich interpretieren, je nachdem ob mehr Einträge auf der Seite der „Selbsthilfegruppe für Zwangsneurosen“ vorliegen oder auf „youporn“.

Findet man den Patientennamen auf einer Petitionsliste gegen strengere Rauchergesetzte? Hat ein Diabetiker ungesunde Rezepte in einem Kochforum gepostet? Ist der Patient Mitglied einer Sekte, einer Partei oder gar einer schamanischen Heilgruppe? Auch die Bildersuche kann Hinweise auf einen Lebenswandel geben, den der durchschnittliche Patient beim Gespräch in der Praxis nie und nimmer zugeben würde. Zudem kann hier festgestellt werden (dies ist aber eher ein Feature für die Krankenkassen), ob ein krankgeschriebener Patient tatsächlich zu Hause im Bett liegt oder von den Bildern des „Weekend Smash Party Clubs“ grölend herunterlacht.

So treffen nun Arzt und Patient in der Praxis leibhaftig zusammen und wissen bereits so viel und doch so wenig voneinander …

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